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Abschied vom Leben
Sie hatte lange darauf gewartet, zwei volle Jahre. Dann kam er endlich, der gefürchtete Anruf, früh am Abend, kurz bevor sie zur Arbeit musste. „Wenn du deinen Vater noch einmal sehen möchtest, beeile dich, er liegt im Sterben.“ Diese Stimme, die da grausam in ihrem Gehirn schrillte, tat ihre Wirkung. Zuerst wie ein Schlag in die Magengrube. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf. „Was mach ich jetzt? Habe ich versagt? Will ich ihn noch einmal sehen?“ „Wo liegt er?“fragte sie, das wurde ihr schnell mitgeteilt, auch die Dringlichkeit des Anru- fes. „Wie lange noch?“ „Heute Nacht.“ Das war die Antwort, die sie erwartet hatte. Langsam, mit zittrigen Händen, legte sie den Hörer auf die Gabel. Sie ging zu ihrem Mann ins Wohnzimmer und erzählte ihm von dem Anruf. Vier Jahre hatte sie ihren Vater jetzt nicht mehr gesehen. Zuletzt fixiert, an ein Bett in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Bei diesem Besuch hatte er sie schon nicht mehr erkannt. Er hatte sie angelacht und gesagt: „Die machen was mit mir.“ Sie nahm ihren Abschied von ihm, als sie damals das Krankenhaus verließ; - von ihm, von sich und dem Leben.
Seit ihrer Kindheit litt sie unter Angst. Nicht unter der üblichen, die jeder Mensch so besaß, nein, diese war eine besonders perfi- de Angst. Sie hinderte sie am freien Leben. In ihrer Kindheit kannte niemand eine Bezeich- nung dafür. Es hieß immer: „Kind stell dich nicht so an, geh dorthin, es passiert dir schon nichts.“ So vergingen immer mehr Jahre mit wechselnden Angstzuständen, die sich mit der Zeit ausbreiteten zur vollkommenen Verweigerung des Lebens. Sicher, sie lebte mit Mann und Kindern, zog diese unter großen Anstrengungen auf. Das Leben verlangte ihr erbarmungslos alles ab. Zwei Kinder wurden mit lebensbedrohlichen Erkrankungen geboren. Es dauerte Jahre, bis sie es halbwegs durchgestanden hatten. Wenn die Kinder zur Operation oder einer Herzuntersuchung ins Krankenhaus mussten, überstand sie das alles mit Bravour.
Nach außen hin war sie die starke Mutter, die scheinbar alles meistert.
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