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Wissen Sie, ich such mir ganz gerne ein bisschen Streit, denn ich bin so ein unbequemer Querdenker. Ich mach mir so meine Gedanken, wissen Sie, so über jenes und alles, einfach so meine eigenen Gedanken, zum Weltgeschehen, und so, und zu den kleinen Dingen des Lebens, die alle betreffen und so ... aber eben auch mich und ... und Sie. Na klar, nun bleiben Sie mal ruhig. Ich weiß doch selber, dass so was böse enden kann, dass alle glauben, es wäre besser nicht zu viel zu denken, sich keine Gedanken zu machen. Ich bin doch nicht blöd. Aber ich bin eben nicht wie ... na ja, wie Sie ... oder wie ihre Nachbarn, die sind ja ziemlich blöde, wissen Sie. Nichts für ungut, Sie sind ja wahrscheinlich ganz okay, ... es sind meistens die anderen ... die sich keine Gedanken machen. Da ist ja auch nicht viel, außer schweigender Leere in verbiesterten Gehirnen. Und ich hab eben auch Spaß daran, mir Streit zu suchen, Themen gibt’s ja jede Menge. Manchmal kann ich einfach nicht anders, das kommt einfach so, und dann kann ich nicht wieder aufhören. Ist wie ne Sucht ... haste mal angefangen, findste kein Ende mehr ... ohne Ende ... geht immer weiter ... ganz von allein ... da oben im Kopf. Iss ja auch kein Wunder......
Fahren Sie ab und zu Straßenbahn ... oder Bus ... oder andere öffentliche Verkehrsmittel? Ich liebe öffentliche Verkehrsmittel, denn nirgendwo kriegt man so viel über die Absurdität des Lebens mit wie in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Ja, wenn Sie es natürlich lieben sich durch den alltäglichen Horrorstress des innerstädti- schen Verkehrsstaus zu quälen, dann sind Busse und Straßenbahn kein adäquater Ersatz, das verstehe ich gut. Masochismus ist ein aktuelles Lebensgefühl, und jeder soll seinen ausleben wie er will. In einer Straßenbahn wird höchstens mal ein bisschen gedealt, einem Kind von der Mutter eine schallende Ohrfeige verpasst, weil der Kleine gellend schreit, weil er keinen freien Sitzplatz gefunden hat, oder zumindest keinen am Fenster. Überhaupt wollen nahezu alle Fahrgäste unbedingt immer am Fenster sitzen, raussehen, und auf keinen Fall die anderen Menschen um sich herum. Nichts mehr wahrnehmen, alles verdrängen und ignorieren.
Ist Ihnen das auch schon mal aufgefallen? Da gibt es sogar wissenschaftliche Studien drüber. Alle Menschen wollen in öffentlichen Verkehrsmitteln immer am Fenster sitzen und raussehen. Und weil das natürlich gar nicht machbar ist, werden sie sauer und ignorieren noch mehr als zuvor die anderen Fahrgäste. Es wäre zwar ideal, wenn man Busse oder Bahnen bauen könnte, in der alle die Möglichkeit haben am Fenster zu sitzen, - aber technisch umsetzbar ist das nicht. Unschön ist es auch, wenn eine alte Oma unsanft an der Haltestelle nach draußen gestoßen wird, weil sie altersbedingt etwas zu langsam auf den Beinen ist. Nicht sehr nett, aber auch nicht zu vergleichen mit der verlogenen Freiheit des Autofahrens. Aber das ist ein anderes Thema, wir sind ja gerade bei der philosophischen Betrachtung der öffentlichen Verkehrsmittel, - obwohl ich darüber gar nicht nachgedacht habe. Ich will eigentlich auf was ganz anderes raus. Ich steh mehr so auf die mitmenschlich unmenschlichen Interaktionen von und zwischen den Fahrgästen.
Ja, da staunen Sie, was? Ich kenne intellektuelle Fremdworte, die ziehen Ihnen glatt die Schuhe aus. Ich weiß zwar nicht ganz genau was Interaktion bedeutet, aber es geht so ungefähr um die Aktionen und Reaktionen von Menschen, wenn sie auf engstem Raum zusammentreffen. Normalerweise tun wir ja immer so, als wären wir ganz allein auf der Welt, wollen die anderen Menschen nicht sehen, nicht hören, schon gar nicht riechen, und würdigen sie keines Blickes, weil wir sie einfach nicht ausstehen können, obwohl dafür kein objektiver Grund zu nennen ist. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass die Menschen nicht alle einen Fensterplatz bekommen können. Ist eben wie im richtigen Leben. Wir ignorieren sie und halten uns raus, - und da macht es auch keinen Unterschied, ob eine Oma auf offener Straße umgerempelt und ausgeraubt wird, oder ob ein alter Mann einen Herzanfall bekommt. Da können Hunderte unmittelbar vorbei gehen, - wie bei dieser Verge- waltigung einer jungen Frau in einer sehr belebten Einkauf- und Fußgängerzone am helllich- ten Tag, - die haben davon alle nichts gesehen. Dabei bewiesen die Aufzeichnungen ver- schiedener Überwachungskameras aus der Straße, dass ganz viele hingesehen haben und dann schnell weitergegangen sind. Das geht uns nichts an, da wollen wir nicht reingezogen werden, so was bringt nur Ärger. Und wenn eine junge Frau brutal in der Öffentlichkeit vergewaltigt wird, hat sie sicher auch eine Menge Schuld, dass das passiert ist. Wahrscheinlich hat sie den jungen Mann mit ihrer sexy Kleidung provoziert und den Kopf verdreht.
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