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6.Gastbeitrag - Christian von Kamp |
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Alter: Über 50. Beruf: Autor. Und auch sonst noch was. Wohnort: In der Nähe von Schloss und Park. Verheiratet: Mit der besten Ehefrau der Welt. Vorlieben: Lesen, Schreiben. Lebensmotto: Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben, ob geboren oder ungeboren, gesund oder krank, jung oder alt, unbehindert oder behindert.
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HINTER DER MASKE
Viele Jahrzehnte lang pilgerte das Volk zu der Maske, und sie gab den um Weisung Bittenden bereitwillig Auskunft. Doch nicht nur einfache Menschen begehrten, von den Tempeldienern zu ihr vorgelassen zu werden, sondern auch hohe Politiker, Richter, Wirtschaftsführer, Prominente kamen in Scharen, um eine Audienz zu erhalten. Durchaus nicht jeder, der ein Anliegen an sie hatte, durfte vor sie hintreten. Glücklich waren alle, die dieses Vorrecht erlangten, zutiefst enttäuscht hingegen diejenigen, die abgewiesen wurden. Die Worte aus dem Mund der Maske waren Gesetz. Noch nie hatte jemand gewagt, gegen ihre Weisung zu handeln; er wäre vom Volk in der Luft zerrissen worden. Wenn die Maske einen Krieg gegen ein Nachbarvolk befahl, wurde Krieg geführt, und die Soldaten waren sich des Erfolgs ihres Feldzuges so sicher, daß sie unweigerlich den Sieg errangen, zumal das angegriffene Volk, das von der Weissagung mit Sicherheit schon erfahren hatte, von vornherein nicht die Kraft zur Gegenwehr aufbrachte. Gerichtsverfahren wurden so entschieden, wie die Maske es wollte. Wurde ein Sohn oder eine Tochter durch ihren Spruch von der Erbfolge ausgeschlossen, geschah dies, und niemand wagte, die Richtigkeit dieses Beschlusses anzuzweifeln. Doch die Zeiten änderten sich, der Tempel und die Maske gerieten, da andere Dinge im Leben des Volks wichtiger wurden, nach und nach in Vergessenheit. Die Tempeldiener, die die Besucher früher vorgelassen hatten, waren längst vertrieben worden. Und es kam der Tag, da sah man die Maske nur noch als Kuriosität an, als Touristenattraktion, als Besuchsziel für Schulklassen und Kindergärten. An einem warmen Sommerabend nun, die Sonne schien zwischen den Säulen in den Tempel herein, hatten alle Besucher ihn bereits verlassen, mit Ausnahme eines kleinen Mädchens, dessen Eltern in der Nähe ein Ferienhaus gemietet hatten. Ihr war es im Bett zu langweilig geworden, und so war sie aus dem Fenster geklettert, um sich den Tempel, den sie von ihrem Zimmer aus gesehen hatte, anzuschauen und auch die „lustige“ Maske zu suchen, von der sie schon gehört hatte. Im Tempel brauchte sie gar nicht lange nach ihr zu forschen, denn das Licht der tiefstehenden Sonne schien auf das metallene Gesicht und ließ es hell erglänzen. Normalerweise lag die Maske mit ihren weisen und zugleich streng anmutenden Zügen halb im Dunkel, man ahnte dann mehr als man sah. Das Mädchen ging geradewegs auf sie zu und wollte sie eingehender untersuchen, wegen eines Gitters kam sie aber nicht nahe genug heran, um sie anzufassen. So begnügte sie sich damit, das goldene Blech genau zu betrachten. Auf einmal war es ihr, als ob sich hinter den Augenlöchern etwas bewegte, es sah im Licht der Abendsonne aus wie die Pupillen von richtigen Augen. Sie erschrak heftig. Da hörte sie Worte aus dem Mundloch kommen, und sie meinte, dahinter die Bewegung von Lippen zu sehen: „Erschrick nicht, mein Kind.“ Das Mädchen wollte weglaufen, aber als sie vernahm, wie traurig die Worte klangen, blieb sie stehen. „Wie alt bist du?“ fragte die Maske. „Sieben Jahre. Und du, liebe ... Maske?“ „O, ich bin so alt, daß ich es schon vergessen habe.“ Der Mut des Mädchens wuchs, und sie redete freier. „Weshalb stehst du hier?“ „Früher, vor langer Zeit, habe ich den Menschen geweissagt, ich habe ihnen bei ihren Problemen geholfen. – Nein, ich will ehrlich sein, du sollst es wissen: Ich war nicht für sie da, sondern sie für mich.“ Die Worte kamen dunkel und langsam aus dem Mund. „Das verstehe ich nicht.“ „Weißt du, es gibt Menschen, die wollen andere Menschen beherrschen. Die sind nur dann glücklich, wenn sie Macht über andere ausüben. Ich bin so einer. Ich dachte, ich könnte für immer und ewig über andere bestimmen. Die anderen sollten leben wie Marionetten.“ „Und, bist du glücklich geworden?“ „Ich war es, am Anfang. Aber dann ...“ „Du brauchst nicht darüber zu reden, wenn du nicht willst.“ Eine Weile lang herrschte Schweigen. Die Sonne war ein wenig tiefer gesunken. Jetzt konnte man die Pupillen der Augen hinter den Löchern der Maske besonders deutlich sehen. Sie bewegten sich unruhig hin und her. „Wie heißt du?“ fragte auf einmal die Maske freundlich. „Irina.“ „Irina, glaubst du, daß du die Wahrheit verträgst? Auch wenn sie schrecklich ist?“ „Ja!“ Irinas Stimme wurde sehr ernst. „Ich vertrage auch Schreckliches. Ich habe miterlebt, wie mein Bruder bei einem Unfall starb.“ „Dann will ich dir etwas erzählen. Ganz früher war ich ein gewöhnlicher Mensch, so wie du, mit Armen und Beinen und einem Bauch. Ich wurde Politiker, und schnell fand ich heraus, daß ich überaus begabt war, andere Menschen das tun zu lassen, was ich wollte. Die Menschen tanzten nach meiner Pfeife, und sie bemerkten es nicht einmal. Ich geriet in einen wahren Machtrausch. Aber leider wurde ich auch älter, und es war abzusehen, daß ich bald zu alt wäre, um noch Volkslenker zu sein. Da erfuhr ich von einer geheimen Bruderschaft, die von der Öffentlichkeit verlacht wurde, weil sie behauptete, den Menschen – mittels wissenschaftlicher Methoden – ewiges Leben geben zu können. Ich setzte mich mit den ‚Dienern der Ewigkeit‘, wie sie sich nannten, in Verbindung, und sie versprachen mir Unsterblichkeit. Es sei nur eine Operation erforderlich. Als ich aus der Narkose aufwachte und mich in einem Spiegel sah, erschrak ich furchtbar: Sie hatten meinen Kopf von meinem übrigen Körper abgetrennt und ihn auf ein kleines Gerät gesetzt, das ihn von nun an mit Nährstoffen versorgte und das Sprechen ermöglichte. Chemische Substanzen in der Nährlösung sollten verhindern, daß meine Zellen weiter alterten. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie ich mich im ersten Moment fühlte. In diesen Tempel hier stellte man mich hin, also meinen Kopf mitsamt dem Lebensgerät, und befestigte vor meinem Gesicht diese Maske. Es dauerte eine Weile, bis ich meinen Schock überwand, aber dann sah ich, welche Möglichkeiten sich mir boten. Als geheimnisvolle Maske konnte ich das Volk beherrschen! Die Bruderschaft tat das Ihrige dazu, um einen Kult zu begründen, und bald waren meine Sprüche Befehl für alle, die sie hörten. Das ging eine Weile gut. Doch dann wollte die Bruderschaft in Gestalt der Tempeldiener selbst teilhaben an der Macht, und ich konnte mich nicht wehren. Sie brauchten mir nur zu drohen, den Lebensapparat abzuschalten, und ich tat, was sie wollten.“ Die Stimme schwieg. Das Sprechen fiel ihr anscheinend schwer. „Und schließlich kam die Zeit, als ich meine Macht gänzlich verlor und zur reinen Sehenswürdigkeit verkam. Jetzt quälen mich nicht mehr ... die Tempeldiener, jetzt quält mich ... meine Bedeutungslosigkeit.“ Die Stimme machte immer längere Sprechpausen. „Und die Langeweile ... und ...“ – wieder trat eine längere Pause ein – „ich habe ... viel Unrecht getan ... Das lastet schwer ... auf mir.“ „Ist etwas mit dir?“ fragte das Kind. „Nein ... im Gegenteil ...“ – die Stimme wurde immer leiser – „Das Lebensgerät ... keine Energie ... mehr ... Endlich ... Friede.“ Die Worte erstarben. In diesem Moment hörte Irina ein Scheppern: Die Maske war auf den Boden gefallen. Im Schein der letzten Strahlen der untergehenden Sonne sah sie den kahlen, schneeweißen Kopf mit dem von Falten tief durchfurchtes Gesicht. Obwohl ein auf den ersten Blick grauenvoller Anblick, lief Irina nicht weg; denn ein Lächeln lag auf dem Gesicht, ein Lächeln der Erlösung.
Ch. von Kamp
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