Lyrik  - Unerwünschte Wahrheiten

Von vielen Texten gibt es auch Audio Versionen, achtet einfach auf den Lautsprecher - anklicken und los gehts, hören statt lesen

Ahnungsloses Opfer




Jedes Wort
jede Berührung
jede Ohrfeige
jeder einzelne Augenblick
jede verdammte Minute
jeder Tag und Jahr
jeder Morgen und Abend



war eine Selbstbestrafung
kein freundliches Wort
keine liebevolle Hand
nie ein inniger Kuss
Stück um Stück
starb ihre Seele
verdorrt wie altes Holz
in der Wüste
der Einsamkeit


Nicht wissend
Warum Wieso Weshalb
leidend bleibend
bis zum Tod



©  Hans B.
 

Nachtdämonen
schleichen sich
durchs surreale Dickicht
der Alpträume
in der Finsternis
lärmt ohrenbetäubend
die gespenstische Stille
mit Entsetzen
erstarren Lumpengestalten
todgehetzte Gedanken
verenden leise im Nebel

Im herandrohenden Sturm
ächzen die alten Bäume
reißen heraus
die modrigen Wurzeln
dem Tod entgegen grinsend
die Trolle und Alraunen
verfolgen mit Glutaugen
wie Hades durch Gassen eilt
unerbittlich würgt was atmend lebt
im gläsernen Sarg
der Mensch
 



©  Hans B.
 

Meine Seele
schreibt sich wund
in düsteren Gewölben
an schroffen Klippen
in qualmigen Cafes
schattenwild
sind meine Gedanken
zornverhüllt
die Bilderwortsprache
efeugleich umrankend
die Wahrheit



die ich euch
am liebsten
ins Gesicht
schlagen würde




©  Hans B.
 

Erinnere dich
an das Baby auf der Brust der Mutter
mit Käseschmiere und Blut

Erinnere dich
an das Baby auf dem Arm der Mutter
unsicher gewiegt und gewickelt

Erinnere dich
an das Baby im weißen Kinderbett
seiner Mutter den Schlaf raubend

Erinnere dich
an das Baby im Korb auf dem Balkon
in der Sonne hustend und weinend

Erinnere dich
an das Baby in den schmutzigen Windeln
stumm stinkend in der eigenen Scheiße

Erinnere dich
an das Baby einsam verlassen
überdrüssig geworden verhungert

Vergiss nicht
das Baby in dunkler Stille
Kindersarg in kalter Erde

Ein helles Holzkreuz

 

Wer hat hier alles weggesehen?




©  Hans B.
 

soeben veröffentlicht i.d. Anthologie                                              “Das Maulwurfherz pocht”        siehe www.brakhage.info/vita-2            

Das System unseres Lebens
basiert auf dem Vertrag
Freiheit durch Gefangenschaft
wie ein Zootier
auf und ab hin und her
immer suchend nach Entkommen

wir leben
in Freiheit
wird uns verkündet
ohne Unterlass

doch die Gitterstäbe
der Realität
halten uns subtil beschränkt
bis zum letzten Tag
im Käfig des Lebens


verloren das Ziel
ein Mensch zu sein




©  Hans B.
 

Die Dämonen der Vergangenheit
rascheln leise knirschend
im trockenen Gebälk der Erinnerung

Längst vergessen geglaubte Träume
huschen flüsternd durchs Zwielicht
verschlungener Gedankenpfade

Stechend glühendes Auge droht
aus düsterem Keller dem Kind
das du einst warst

Siehst dich im Gedankenspiegel
verwunschenes Hasskind
lächelst blinzelnd ins Licht





©  Hans B.
 

soeben veröffentlicht in der Anthologie “Hoffnung im Untergang” siehe dazu http://www.brakhage.info/e-books

Ich zerschlage
Autorücklichter
das Scherbenmosaik
treibt mir Tränen
in die Augen
lässt mich rätseln

Was gehört wohin?

Bin ungebärdig
voller Zorn
der nicht weiß
woher warum

Unbefriedigt
suchen meine Augen
neue Ziele
für den Hammer





©  Hans B.
 

Meine Mission



Meine Gedichte
sind keine Lyrik
sondern
geschriebene Schreie

Erbarmungslos
schlage ich
ans Kreuz
wie gemalt
von Hieronymus Bosch

Von eurem Blutbad
trinke ich
und spucke euch
mitten ins Gesicht
Menschenschinder

Ungebrochen
schlägt mein Herz
die Seele flimmert
folgend eurer Spur





©  Hans B.
 

Totgetreten
auf dem Rasen
ausgestoßener Flaschenmensch
vergiftete Vögel
vermodern im Dreck
unsere Herzen verblassen
in Cellophan verpackte
tiegefrorene Wahrheiten
verleugnete Gefühle
Was die Barden
nicht besingen
Tod und Verderbnis
säumen unsere Wege

Unsere schöne
verrottende Welt
am Rand des Lebens
zerbrochen am Rad
der Zeit




©    Hans B.
 

Gleichmaß



Wir sitzen
alle im selben Boot
ziehen
am gleichen Strang
bis jeder
stranguliert
gehenkt
einsam verbittert
stirbt






©  Hans B.
 

Auf besudeltes Land
fällt schwarzer Regen
Kinderlachen
klingt von Ferne
traurig schöne Melodie
zarte Seifenblasen
zerschmettert

Teddybären
verstummen angstvoll
Puppenkinder
gehetzt
in Ecken kauern
verfallen in Katatonie

In Schweigen gehüllt
der mitternachtsschwarze Himmel
Sternenglanz
zerfällt zu Staub
sinkt zu Boden

Ein wimmerndes Gebet
Wolfsgesänge
in ohrenbetäubender Stille
die vergeht
wie die Kinderseele
im Opferblut
der Todesfuge

Blaulichter
kommen zu spät
Wieder einmal
ist Rotkäppchen
zum Opfer gefallen






©  Hans B.
 

Altersversorgung



Zuletzt
ganz zum Schluss
wenn Du nicht mehr weißt
wie es weitergehen
soll oder kann
wenn die unbeantworteten Fragen
Dir fast den Kopf
zersprengen
humpelst Du
natürlich noch einmal
zum Schalter
klopfst bei ihnen an
und bittest ausgehungert
um einen kleinen
Nachschlag
an Leben
nur noch einmal
Aber die
von den Krankenkassen
und Arztpraxen
von den Apotheken und Behörden
haben nur
noch Pillen
für Dich



©  Hans B.
 

An einer Weide
hing ein Strick
ein Seil
so kurz wie das Leben
 

 

dennoch
war es lang genug
um Dir den Rest zu geben




©  Hans B.
 

Es ist ohne Ausnahme verboten Lyrik aus dieser Website ohne Genehmigung in anderen Websites oder Blogs zu veröffentlichen. Bei Zuwiderhandlung erfolgt sofortige juristische Strafverfolgung durch eine Urheberrechtsklage