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Wissen Sie, ich such mir ganz gerne ein bisschen Streit, denn ich bin so ein unbequemer Querdenker. Ich mach mir so meine Gedanken, so über jenes und alles, einfach so meine eigenen Gedanken, zum Weltgeschehen, und so, und zu den kleinen Dingen des Lebens, die alle betreffen und so ... aber eben auch mich und ... und Sie. Na klar, nun bleiben Sie mal ruhig. Ich weiß doch selber, dass so was böse enden kann, dass alle glauben, es wäre besser nicht zu viel zu denken, sich keine Gedanken zu machen. Ich bin doch nicht blöd. Aber ich bin eben nicht wie ... na ja, wie Sie ... oder wie ihre Nachbarn, die sind ja ziemlich blöde, wissen Sie. Nichts für ungut, Sie sind ja wahrscheinlich ganz okay, ... es sind meistens die anderen ... die sich keine Gedanken machen. Da ist ja auch nicht viel, außer schweigender Leere in verbiesterten Gehirnen. Und ich hab eben auch Spaß daran, mir Streit zu suchen, Themen gibt’s ja jede Menge. Manchmal kann ich einfach nicht anders, das kommt einfach so, und dann kann ich nicht wieder aufhören. Ist wie ne Sucht ... haste mal angefangen, findste kein Ende mehr ... ohne Ende ... geht immer weiter ... ganz von allein ... da oben im Kopf. Iss ja auch kein Wunder......
Also Kinder sind ja was Wunderbares, sagen die Großmütter, sagen sie immer, jeden Tag. Manchmal, meistens leider nicht. Ich weiß, ich weiß, die Kinder, die Sie kennen sind vor allem laut kreischend, stets fußballspielend, unverschämt, nörgelnd, ungebildet, dreckig, verlogen, feindselig, gierig auf Fernsehen und Computerspiele, eigenes cooles Handy, lehnen alle Verantwortung ab, ebenso Autoritäten wie Sie, zerkratzen Autotüren, zerstechen Reifen, klauen Fahrräder, beschmieren Wände, knallen Haustüren und zünden Briefkästen und Mülleimer an. Eben der ganze alltägliche jugendliche Wahnsinn.
Und die sogenannten Erwachsenen, ihre Nachbarn, die sind auch nicht viel besser. Denen trauen Sie alles zu, die ihnen überhaupt nichts, schon gar keine Autorität. Für die sind Sie einfach keine Respektperson, genauso wenig wie ein Polizist oder so was. Es gibt ein paar Nette, ein paar freundliche Ignoranten, denen Sie nicht gleich am Liebsten was in die Fresse hauen würden, aber keine reale Anerkennung ihrer Person, obwohl Sie meinen, dass ihnen das durchaus zusteht. Sie würden ja auch nicht erkennen wie ähnlich Sie den anderen sind, dass Sie wie Brüder oder Verwandte im selben Stadtteil leben.
Was machen Sie falsch? Warum läuft es nicht so, wie Sie sich das vorstellen? Sie sind schließlich Beamter, nichts Hohes oder Besonderes, nur im städtischen Bauamt, aber das seit vielen Jahren und eher unauffällig. Aber Sie wissen um die Prinzipien der menschlichen Gesellschaft, um die Regeln und Verordnungen, - das sollte doch was wert sein. Richtig, sie machen einfach was falsch.
Schauen Sie sich ihren türkischen Nachbarn an, genau gesagt Hakan, seinen ältesten Sohn. Nicht mal 25 Jahre alt, arbeitslos, wie sein Vater, was heutzutage nichts ungewöhnliches ist. Aber der Sohn, das ist ein offenes Geheimnis im ganzen Viertel, hat noch nie in seinem Leben offiziell gearbeitet, steht aber im zweifelhaften Ruf alles zu verdealen, was das Hirn vernebelt und viel Kohle bringt, Haschisch, Extasy und wie das Zeug alles heißt, - Bezugsquelle: unbekannt, aber jede Menge. Fährt `nen 3er BMW und das als Arbeitsloser. Gehört aber offiziell seiner Schwester, die nichts zu melden hat und außerdem einen Job. Sein schwarzes Haar ist immer gegelt und sieht seltsam verschnitten aus, seine Arme und Brustkorb behaart und muskulös, um den Hals eine dicke Goldkette. Seine Kleidung typisch Macho, Lederhose, Muscle-Shirt, immer weit offenes Hemd, fette Armbanduhr. Sein Deutsch eher gebrochen, seine Freundin eine blonde Friseusentussi schlimmster Art, mit ziemlich großen Dingern – na, Sie wissen schon was ich meine - und er selbst selten wirklich nüchtern. Islam und moslemische Tradition hin oder her, er faselt ständig davon, ob jemand das hören will oder auch nicht, ist aber ungeachtet dessen häufig betrunken.
Nein, das war die falsche Frage, denn das ist hier nicht das selbstironische Satiremagazin eines Kaya Yanar und die Frage: Was guckst Du? – sondern die ganz alltägliche, banale Wirklichkeit in unseren Städten. Es ist nicht todernst, aber komisch ist auch bei weitem nicht.
Ich zumindest habe Hakan selten ohne Bierflasche in der Hand auf der Straße gesehen. Oft lungert er mit Freunden an der Trinkhalle rum, bei dem kleinen grünen Park im Viertel, mit dem Kinderspiel- platz, wo sich auch die Junkies, Kinderprostituierten und Alkoholiker treffen. Wer so etwas allerdings wagt offen auszusprechen, ist ausländerfeindlich, ein Faschist, oder ein übler Verleumder des Islam, ein Ungläubiger und Feind der moslemischen Welt, - sagt Hakan. Aber es sagt auch keiner so was, zumindest nicht in seiner Hörnähe. Er wird respektiert und niemand würde ihn ignorieren.
Ja, ich weiß, dass Sie schon ahnen, woran das liegen mag, ist ja kein Geheimnis und bekannt im ganzen Viertel. Vielleicht sollten Sie sich dennoch daran mal ein Beispiel nehmen. Denn er hat einen Hund, - genauer gesagt einen Kampfhund und nicht irgendeinen, sondern so ein muskelbepacktes Aggressionspaket mit ziemlich kurzen Beinen, Bollerkopf, einem Brustkorb wie ein Hulk und einem Gebiss, so mächtig und drohend wie ein gezacktes Armee-Kampfmesser. Was das genau für eine Rasse ist, weiß ich nicht, ist mir auch egal, denn ich will diesem aggressiven Biest nicht unbedingt begegnen. Maulkorb trägt der grundsätzlich nie und eine Leine eher selten, und wenn, dann zwischen seinen Zähnen, was ihn noch gefährlicher aussehen lässt. Hakan behauptet, er habe kein Geld für eine Leine und verweist grinsend auf seine Arbeitslosigkeit. Behördliche Auflagen interessieren ihn dabei nur am Rande. Keine Ahnung, wie er es gedreht hat, dass seine Killerbestie den Wesenstest bestanden hat, ist aber so. Für Geld machen manche Menschen bekanntlich alles möglich.
Sein bester Freund und Kumpel ist Horst, von den meisten nur Hotte genannt, hat einen Rottweiler, größer als dieser hellgraubraune Killer, schwarzbraun und ebenso kurzhaarig, mit einem noch viel breiteren, muskelbepackten Brustkorb, stämmigen Muskelbeinen, einem beeindruckend drohenden Quadratschädel und einem grollenden Bellen, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Trägt auch nur selten Leine und Maulkorb, denn Hotte ist ebenfalls arbeitslos, sagt er. Auch er fährt ein ziemlich großes Auto, so eine amerikanische PS-Schleuder. Gehört ihm aber offiziell nicht, sondern einem anderen Kumpel aus seiner Clique. Seine Haare sind auch meistens gegeelt, aber blond, seine Arme und Brustkorb wie von einem Bodybuilder, sein Deutsch gebrochen, obwohl er ein überzeugter Deutscher ist. Was immer du so brauchst, Hotte kann es besorgen, sagt er, schnell, diskret und relativ preiswert.
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