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Der Atomstaat Auszug aus meinem Roman „Die Geschichte von Katharina & Paul“ 2.Buch „Das Buch des Sturms“ – Kapitel 10
Bereits Anfang Dezember 1974 startete Bürgermeister Block von Brokdorf, nicht zuletzt unter dem Druck der Parteioberen und einiger Mitglieder des CDU-Landesvorstandes, die Flucht nach vorn. Inzwischen schamlos nur noch um die eigenen Pfründe besorgt, und die denk- bare Parteikarriere dahinschwinden sehend, organisierte er eine allgemeine Umfrage unter der Bevölkerung von Wefelsfleth und Brokdorf. Er ließ 1551 Fragebogen drucken und auf alle wahlberechtigten Bürger in den beiden kleinen Gemeinden verteilen. Drei Möglichkeiten konnten darauf angekreuzt werden. – für das Atomkraftwerk – gegen das Atomkraftwerk – keine Meinung und Enthaltung Wie gesagt, die Menschen der Unterelbe, der Wilster Marsch, die Brokdorfer und Wefels- flether waren eher verschlossene konservative Bürger. Sie schätzten gutes Benehmen und Anstand, Sitte und Moral, weswegen ihnen bislang auch die Fremden eher suspekt geblieben waren. Denn in der Tageszeitung für den Landkreis hatte gestanden, dass das Kommunisten waren, und die galten bei ihnen nicht gerade als sonderlich moralisch. Die Bürgerbefragung fanden sie, allein schon wegen der Kosten, eher unanständig, weil doch jeder weit und breit im Dorf wusste, was sie als Bürger von den Plänen für das AKW hielten. Außerdem fühlten sie sich zunehmend auf den Arm und nicht sonderlich ernst genommen, sogar reichlich verschaukelt. Das war auch kein gutes Benehmen. 1040 Fragebogen kamen ausgefüllt zurück, eine Beteiligung von 66 Prozent. Das dagegen, meinten viele grinsend, war schon recht anständig. Gegen das Atomkraftwerk stimmten 784 Bürger (75 %) Für das Atomkraftwerk stimmten 202 Bürger (19%) Offensichtlich war der Schuss für Bürgermeister Block nach hinten losgegangen. Doch der erpressbare und bestechliche Brokdorfer Bürgermeister, in Tatvereinigung mit dem Landrat Dr. Brümmer, fanden eine – ihrer Meinung nach – ideale Lösung und interpretierten das Ergebnis auf ihre eigene logische Denkweise, - die allerdings nichts mit demokratischem Denken zu tun hatte. 784 Stimmen gegen das Atomkraftwerk bei 1551 verteilten Fragebogen, das waren 49 % der wahlberechtigten Bürger. Nach dieser Milchmädchenrechnung waren also die Atomkraft- gegner in der Minderheit, knapp – aber immerhin in der Minderheit. Nicht schlecht ausgedacht, aber noch weniger anständig, fanden die Brokdorfer und Wefels- flether Bürger, wenn nicht sogar schon ausgesprochen unanständiges Benehmen ...
... Selbst jetzt wäre aber noch eine absolut friedfertige Auseinandersetzung möglich gewe- sen, hätte ein einziger kluger Kopf in der Landesregierung, dem Ministerium oder im CDU-Landes- bzw. Kreisvorstand Öl auf die stürmisch hochschlagenden Welle geschüttet, mit den Anwohnern ruhig, ehrlich und sachlich geredet. Doch diesen klugen Kopf gab es scheinbar nicht. Und Ehrlichkeit und Politik sind einander so gegensätzlich, dass sie sich in der alltäglichen Praxis letztendlich ausschließen, von Ausnahmen abgesehen. Die Erfahrung der Real-Politi- ker basierte auf der Erfahrung: Sage dem Wähler nie, was Du wirklich weißt, halte ihn hin, verschleiere deine wirklichen Interessen, sage nie etwas Konkretes, auf dass Du festzulegen wärst. So hatten sie es immer gehalten, und taten es auch weiter so, bis in die Jetztzeit ...
... Das wollte er doch mal sehen, ob er seine Richtlinienkompetenz und seine Maximen der Politik in der Wilster Marsch durchsetzen und Fakten schaffen konnte, - oder nicht. Doch hatten weder er, noch die verantwortlichen Minister, Politiker und Bürokraten ein Gefühl oder Kenntnis von der Sturheit und Eigensinnigkeit verärgerter Wähler aus der Wilster Marsch. Fingerspitzengefühl, Mediatoring und sachlicher Dialog wären unter günstigen Umständen gerade noch ein letzter Weg zum Ausgleich der Interessen gewesen. Aber eine Obrigkeits- und Kommandowirtschaft nach Art der Kommunisten und Diktatoren, das wollten sich diese Menschen nicht von ihren gewählten Volksvertretern in Kiel aufzwingen lassen. Hitzköpfe sprachen schon jetzt davon, dass sich die Kieler Landesregierung und ihre Protagonisten schon selber wie durchgeknallte Terroristen aufführten, und sich mit ihrer Ignoranz zu Helfershelfern der kommunistischen Agitatoren machten, die sie an die Wand malten. Sie trieben den Kommunisten und politischen Scharfmachern die Bürger zu, und waren somit selber Schuld, wenn in einer Blitzumfrage über das mögliche Wahlverhalten am kommenden Sonntag festegestellt wurde, dass die CDU in der Wilster Marsch über 50% der Wählerstimmen verlieren und eine Partei knapp über der 5% Hürde werden würde. Zwar hatte die Partei die absolute Mehrheit sowohl im Kommunal-, als auch im Kreisparlament, zog man aber davon die 50% ab, so blieb nicht mehr viel an Stimmenanteil übrig, was die CDU von der FDP trennte, die dort eine weit untergeordnete Rolle spielte. Dabei waren die Wähler nicht etwa bereit aus Protest die SPD zu wählen, denn die zeigte sich ja genauso als Unterstützer für den „Atomstaat", und plädierten ebenfalls für den industriellen Ausbau der Unterelbe ...
... Straßenkarten der Wilster Marsch wurden im Umkreis von 50 KM rund um Brokdorf beschlagnahmt, den entsprechenden Ladenbesitzern verboten neue zu bestellen und zu verkaufen. Begründet wurde das der Gefahr im Verzug und Erkenntnissen zur Vorbereitung von schweren Straftaten. Erste Anwälte, die dagegen vorzugehen versuchten, wurde Aktenein- sicht verweigert, den Rechtsuchenden unverhüllt gedroht. Polizeibeamte wurden beobachtet, die alle Autokennzeichen von außerhalb der Wilster Marsch notierten, und jeden Menschen, selbst völlig harmlose Spaziergänger und Touristen, fotografierten. Überall kurvten die grünen und zivilen Fahrzeuge der Staatsmacht herum. So bildete sich aus Ignoranz und Dummheit der Real-Politiker in der Wilster Marsch ein eher konservativ orientierter Bürgerwiderstand gegen den Atomstaat, den diese inzwischen ziemlich erbitterten Einwohner in seiner vollen Härte zuerst am eigenen Leib zu spüren bekamen. Brokdorf entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zum rechtlosen Raum für die Staatsmacht, in dem tagtäglich zahlreiche Gesetze gebeugt, gebrochen, ignoriert und über- treten wurden. Bürgerrechte wurden praktisch für Null und nichtig erklärt. „Mit Brunsbüttel un Stade,“ so ein Brokdorfer Bauer in einem Statement, „hebben wir veel Beretschap beweesen, uns den Fortschritt nich in den Wech to stellen un Risiken op ons te nemmen. Doch wat te veel ist, ist to veel ...“
Das ist fast schon Zeitgeschichte, aber ein interessanter Rückblick, wie das alles anfing - und noch immer leider hochaktuell. Wollen Sie weiterlesen?
Nein, nein, sie müssen jetzt keine Gebühr dafür bezahlen und sich auch nicht durch ein viele Seiten langes Manuskript im Internet kämpfen. Laden Sie sich doch einfach das entsprechende e-book herunter, völlig kostenlos, schlicht auf weißem Papier gestaltet. Lesen Sie es in aller Ruhe Zuhause in einer Mußestunde, tauchen Sie ein in die Geschichte der Anti-Atom-Bewegung und Sie werden feststellen, dass sich nur wenig verändert hat. Noch immer diktieren die großen Energiekonzerne in ihrem autoritären Gebaren die Politik dieser Gesellschaft und dieses Staates, zwingen den Menschen den lebensbedrohen- den Atomstaat auf.
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