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Das ist ein schöner Tag                                

 

Elfriede Bornemann hatte immer gewusst, dass dieser Tag nicht mehr fern war, dass er über kurz oder lang kommen würde. Alles war geklärt und viele Male in aller Ruhe gemeinsam durchgesprochen.                                                                                                                                               Und jetzt war er da, dieser Tag.                                                                                                                     Vor dem offenen Fenster jubilierte mit lauer Luft und strahlendem Sonnenschein der Frühling, wie er schöner im Mai kaum sein konnte. Ein paar wenige hingestreute Wolken verzierten den hellblauen Himmel, richtig großartiges, lebensstrotzendes Hummelwetter. Die Gardinen am offenen Fenster blähten sich ein wenig in der gehauchten Brise, Vogelstimmen klangen von überall herein. Die Luft schien so würzig und ungeheuer frisch.                                                          „Das ist ein schöner Tag ...“                                                                                                                            Er war es schon früh am Morgen gewesen, als sie aufgewacht war, erstaunt über das Ende des Schlafes, als draußen gerade die Sonne aufging. Elfriede Bornemann liebte es ein oder zwei Stunden länger zu schlafen. Warum auch nicht, sie war jetzt schon so lange Rentnerin. Niemand trieb sie an, sie musste sich nicht sputen irgendwo pünktlich zu erscheinen oder etwas zu erreichen. Im Bett aber war es immer so schön warm und kuschelig, - auch wegen Hubertus.             

Nun ja, sie waren kein junges Paar mehr, keine Teenager, immerhin seit mehr als 58 Jahren verheiratet. Das Fest ihrer Goldenen Hochzeit war groß gefeiert worden, mit der gesamten Verwandtschaft, die sich in dieser umfassenden Fülle nur selten so zusammenfand. Aber zur Goldenen Hochzeit versammelten sie sich alle, selbst die jüngsten Enkel, - und derer gab es nicht wenige.                                                                                                                                                        Elfriede und Hubertus Bornemann waren hinlänglich bekannt als ein Ehepaar, das die Familien, die Freunde und Bekannten immer wieder in ungläubiges Erstaunen versetzte, - und das schon seit schier endlosen Jahren. Sie redeten und handelten nicht wie viele ihrer Nachbarn und Zeitgenossen, was man ihnen in der entfernteren Bekanntschaft auch schon mal mit scheelem Blick übel nahm.                                                                                                                Dabei war Hubertus eigentlich die Triebfeder zu allem, was ihr Leben in all den Jahren bestimmte. Er war es, der sich trotz seines eher bürgerlichen Berufs als Kaufmann den unkonventionellen Musen zuwandte, der Akkordeon und später sogar Gitarre spielte. Er schulte auf Geigenbauer um, lernte das Handwerk von der Pike an, machte sich dann selbstständig und schon sehr bald eine kleine Musikalienhandlung auf. Die Nachkriegsjahre waren freundlich zu ihnen, bescherten ihnen keine Reichtümer, aber einträgliche Geschäfte, denn die Menschen hatten nach den Entbehrungen wahren Hunger auf Unterhaltung. Ab und zu spielte Hubertus auf dem Akkordeon bei Hochzeiten und dem Schützenfest. Dort hatte Elfriede ihn kennengelernt, vom ersten Moment an sein ansteckend frohes Lachen gemocht und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Sie hatten jung geheiratet und waren kein blutjunges Paar mehr, als sie zum ersten Mal aus der Reihe und den dazugehörenden Konventionen tanzten und mit ihren Kindern und deren Freunden in die Essener Grugahalle zum ersten Konzert der Rolling Stones in Deutschland gingen.                                 

Das war aber erst der Anfang gewesen.                                                                                                        Zuerst hörten sie die Beatles gern, dann Mick Jagger und die Stones, später auch Jimmi Hendrix, Carlos Santana, Uriah Heep und ganz besonders gern Deep Purple. Auf den Konzerten von Pink Floyd waren sie eines der ältesten Besucherpaare. Es konnte ihnen gar nicht laut genug unmittelbar vor der Bühne sein. Dort, wo die Luft zu vibrieren schien und ihnen die dröhnenden Bässe durch alle Glieder fuhren.                                                                          Mochten sich die anderen mit seichter Unterhaltungsmusik und Schlagern vergnügen, sie gingen zu den Scorpions und Hammerfest, zu Joe Cocker und zum Come-back-Konzert von AC/DC.                                                                                                                                                                   Da waren sie schon über siebzig – und hatten schon lange nicht mehr einen Tag mit so viel ausgelassenem Spaß erlebt. Zwar sprangen sie nicht mehr tobend herum, aber das Head- banging bekamen sie immer noch ganz respektabel hin.

 

 

 

 

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