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Clara, der Herr Karl, der Tod und das Leben

 


Sie sah es ihm an, wenn er nur wenige Meter von ihr entfernt auf der Couch lag, mit einem ganzen Stapel Kissen im Rücken, und sich mit der Zunge über die spröden Lippen fuhr, um sie anzufeuchten. Dabei war es gar nicht so warm, weder draußen noch drinnen, ein angenehm temperierter Frühsommertag.                                                                                                   Seine melierten Haare hatten jeglichen Glanz von früher verloren, selbst ihre geordnete Form schien nur noch wie eine ferne Erinnerung. Zottelig sahen sie für sie aus, fettig und wie seit Jahrzehnten nicht gekämmt. Die schon länger faltige Haut wirkte eingefallen, verschwitzt und aschfahl, als fehle ihr bereits jetzt jedes Leben.                                                                                       Leicht gebeugt und zusammengesunken kraftlos lag er halb aufgerichtet auf seiner Bett- couch und strich immer wieder mit den zitternden Händen irgendwelche unsichtbaren Falten des Lakens unter sich glatt, weil es ihm wohl peinlich war, dass sie Clara zu Gesicht kamen.   Dabei war sie die Einzige, die er noch in seine Nähe ließ, - aber auch die Einzige, die noch regelmäßig nach ihm schaute und sich sorgte. Der nahende Tod verscheuchte nicht nur mit grauenvoller Gleichgültigkeit und Kontinuität das Leben, sondern auch die Menschen, die sich nicht mehr länger mit dem Sterben konfrontiert sehen wollten, nicht eine Minute. Es war, als hätten sie für sich selber eine scheinbar unerschütterliche und niemals endende Lebens- kraft gepachtet, die ihnen die Sicherheit gab, niemals zu sterben.

Ob Herr Karl überhaupt irgendwelche Verwandten besaß oder tatsächlich gänzlich allein lebte, blieb ungewiss. Wenn sie existierten, ließen sie jedenfalls niemals auch nur eine Silbe von sich vernehmen, tauchten weder in Briefen noch in Telefonaten auf. Außer gelegent- lichen unerwünschten Werbeanrufen blieb das Telefon stumm.

Herr Karl wurde er schon immer von allen genannt, weil das sein Name war, eine unerwartete Namensgebung, aber nun mal die seine, Erwin Karl. Er wusste selbst nicht, was sich seine Eltern dabei gedacht hatten. Clara erinnerte sich, dass sie eine Zeit lang glaubte, das wäre sein Vorname, Karl – und dann irgendein Nachname. Doch sein verblasstes Klingelschild ließ keine Zweifel aufkommen.                                                                                                                             So war es eben eine unumstößliche Realität, Erwin Karl.

Seine Füße waren auch eine Realität, standen dicht beieinander und geradezu obszön nackt auf dem altgrauen Teppichboden, wie ein Signum für seine Lebenslage, die sich unaufhörlich schneller werdend ihrem Ende näherte. Herr Karl besaß zwar altmodisch braun gewürfelte Filzpantoffeln, aber die standen nur unbeachtet und sorgfältig gerade ausgerichtet nebenein- ander am Fußende seines Bettes und wurden nur selten von ihm benutzt. Sie waren ausge- latscht und breitgetreten, wie sein Leben. Auf dem schäbigen Nachttisch stand sein obligato- risches Glas Mineralwasser, aber er trank nur selten davon. Leise war seine Stimme gewor- den, brüchig und unsicher. Clara musste immer genau hinhören, um ihn verstehen zu können. Manchmal gelang es ihr nicht, denn ihr Gegenüber verschluckte nicht nur Silben, sondern immer öfter ganze Wörter, - und selbst diese wurden dann noch von mühsam gebändigtem Husten zerfasert.                                                                                                                      Clara wusste, dass seine Uhr erbarmungslos ablief, Herr Karl starb – früher oder später, und niemand wusste es so sicher, wie er selbst.

Als sie ihn das erste Mal sah, war sie gerade ein paar Tage vorher in das Haus eingezogen, noch immer im Eingewöhnungsprozess, längst nicht alle Mitmieter auf den vier Etagen kennend. Damals sah Herr Karl noch recht gut aus, strahlte aber schon dieses mürrisch Eigenbrötlerische aus, das ihn nicht sehr beliebt in der Nachbarschaft machte. Er war noch gut gepflegt, nicht mehr ganz jung, mit unübersehbaren grauen Haarsträhnen im dünnen, aschblonden Haar. In seinen Augen war etwas, was Clara sofort gefiel, ohne dass sie es jemals wirklich nachvollziehbar erklären konnte, so eine ambivalente Mischung aus Zorn, Lebensfreude und Einsamkeit. Viele Frauen schätzen sensible und einsame Männer, dessen war sich Clara durchaus bewusst, weil sie da ihre mütterlichen Instinkte ausleben können.      So ein bisschen Helfersyndrom kannte Clara schon ihr Leben lang.                                                 Herr Karl war auf dem Weg in den Supermarkt, fixierte sie kurz mit einem Blick, nickte ihr zu und gab so zu verstehen, dass er sie als die „Neue“ im Haus erkannte. Während des Einzugs, als ihr Freunde und Freundinnen beim Schleppen der vielen Umzugskartons und Möbelteile halfen, tauchte er niemals auch nur für eine Sekunde auf. Andere Nachbarn schauten wenigs- tens mal kurz aus der Tür, kamen von draußen irgendwoher und grüßten sie mit einem knappen Lächeln, während sie sich schon ziemlich verschwitzt den nächsten Karton von der Ladefläche des geliehenen Kleintransporters nahm und nach oben trug.

In den Tagen danach wurden ihr erste „Wahrheiten“ über Herrn Karl von den neuen Nach- barn zugetragen. Er sei ein Nörgler und unangenehmer Zeitgenosse, habe mal einen toten Vogel von seinem Hofbalkon einfach hinunter in den ungepflegt verwilderten Garten gewor- fen, statt ihn würdevoll irgendwo am Rand des Begrenzungszauns in einem kleinen Pappkar- ton zu beerdigen.                                                                                                                                              So etwas gehörte sich einfach nicht.                                                                                                           Clara dachte damals darüber nach, was sie getan hätte, wenn ein Vogel aus welchem Grund auch immer auf ihrem kleinen Balkon verstorben wäre.                                                                         Beerdigen würde sie ihn sicher nicht, das konnte sie gleich ausschließen, aber auch nicht mit spitzen Fingern vom Balkon schmeißen. Dann schon eher vorsichtig auf ein Kehrblech hieven und in die Mülltonne bugsieren.                                                                                                     War das zivilisierter?                                                                                                                                       Sicher nicht, aber Clara wollte lieber nicht wissen, wie lange dieser Vogel schon tot gewesen war und welche möglichen Krankheitserreger an ihm hafteten. Sie würde es ebenfalls so handhaben, dass sie so wenig wie möglich dieses tote Tier berührte.

Aber Herr Karl meckerte angeblich auch, wenn Nachbarn nicht die Treppe putzten und niemand im Haus wusste, wo er arbeitete, womit er sein Geld verdiente. Niemals ließ er darüber auch nur ein Wort verlauten.                                                                                                           So etwas mögen Nachbarn nicht, wenn sie nichts über einen Mitmenschen wissen.                  Stattdessen ärgerten sie sich darüber, dass er seine Schuhe immer vor der Wohnungstür auszog und dort auslüften ließ. Sie würden ziemlich stinken, wurde Clara berichtet.                  Sie stellte allerdings auch immer ihre Straßenschuhe vor die Wohnungstür, das war sie von Zuhause so gewohnt. Der Gedanke, allen möglichen Schmutz mit den Schuhsohlen in die Wohnung zu tragen, bereitete ihr Unbehagen.                                                                                          Durfte man eigentlich seine Schuhe einfach in den Hausflur stellen, besonders wenn sie rochen?                                                                                                                                                                Clara wusste es nicht, schlich sich aber mal an einem Abend auf leisen Sohlen bis hinauf in die oberste Etage, - da wohnte Herr Karl. Sie schnupperte schnell an den Schuhen, die vor seiner Tür standen, stellte einen nur sehr schwachen Geruch fest und verglich ihn dann mit dem von ihren Schuhen, die vor ihrer Tür standen. Sie strömten einen ebenso geringfügigen Odem aus, kaum wahrnehmbar.                                                                                                                    Da wusste sie, dass das nur Gerede, dass Herr Karl nicht sehr beliebt im Hause war.

Am nächsten Tag, als sie von der Arbeit kam, traf sie auf ihn, der wohl auch gerade heimkeh- rte, mit einer schmalen, altmodisch schwarzen Aktentasche unterm Arm, vor der Haustür. Ohne sie anzusehen, fragte er sie mit leiser Stimme, was sie gewollt habe, als sie am vergan- genen Abend oben vor seiner Wohnung gewesen war.                                                                         Herr Karl hatte sie offensichtlich irgendwie gesehen, bemerkt oder sonst wie wahrgenom- men, sie heimlich dabei beobachtet, aber seine Wohnung nicht deswegen verlassen.               Clara suchte für einen Moment nach einer glaubwürdigen Antwort, entschloss sich dann aber für die Wahrheit.                                                                                                                                                Da sah er sie zum ersten Mal mit leicht zusammengekniffenen Augen an, - und sie wollte sich schon entschuldigen für ihr Verhalten, als er eine winzige Spur lächelte. Dann ließ er ein leises Knurren hören, eigentlich kein richtiges Knurren, eher ein etwas zu lautes Ausatmen und hielt ihr die Haustür auf, ließ sie zuerst in den unbeleuchteten Flur treten. Ganz offen- sichtlich wollte er kein weiteres Wort darüber verlieren, stieg bedächtig mit etwas Abstand hinter ihr die Treppenstufen hinauf. Clara überlegte, wie sie ein belangloses und entspannen- des Gespräch beginnen könnte, aber es fiel ihr nichts dazu ein. Als sie an ihrer Wohnungstür ankam, wandte sie sich dann kurz zu ihm um, lächelte so freundlich, wie es die eigene Verun- sicherung zuließ und sagte mit klarer Stimme: „Ich wünsche ihnen einen schönen Abend ...“

 

 

 

 

Möchten Sie gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht und sie ganz bis zum Ende lesen. Ich kann Ihnen versichern, dass sie sehr schön ist und Ihnen sicher gefallen wird.                                                                            

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