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Die Diva – oder Viva la Muerte - Inszenario
Lau war die Nacht, glitzernde Sterne tanzten im ewigen Reigen silberflimmernd am nacht- dunklen Himmel, und tauchten die noch sonnenwarme Erde in einen funkelnden Mantel aus nebelhaftem Licht mit irisierender Fülle. Die alte kleine Stadt schlief den dumpfen Schlaf der Gerechten. Der duft von frisch gemähtem Gras, Flieder und feucht verdunstender Wärme, wie im Schoß einer verliebten Nymphe, vermischte sich mit kühler frischer Luft, und dem Gestank nach Benzin. Alles zusammen füllte Raum und Zeit scheinbar mühelos, und verschmolz mit den vielen, fast unzählbaren, kaum hörbaren Geräuschen einer mitternächtlichen Stadt, die mehr und mehr zu atemloser Ruhe kam.
Sie stand am Fenster, war nackt, atmete gierig die Nachtluft ein, und ließ all diese widerspre- chenden Gerüche und Düfte in ihre Lungen und durch ihre Nase fließen, sich von ihnen erfüllen und berauschen. Der silberne Mond mit seinem lichtflirrenden Hof schien zauberhaft auf ihr blondes Haar, auf die runden weichen Schultern, die wie feiner polierter Marmor glänzten. Er schien auf ihre Brüste, den flachen Bauch. Wie ein schimmerndes Bild stand sie da im schwachen Licht, ein Bild wie aus tiefen Träumen, verzaubernd und schön, unwirklich in seiner sanft strahlenden Erscheinung. Die Tränen, die sie lautlos vergoss, die aus ihren Augen rannen, über ihre Wangen, ihre Lippen netzten, tropften sprühend auf ihre schmalen Hände auf dem Fensterbrett. Kaum sichtbar bebten ihre Schultern, wankte sie unter leisem Schluchzen zum Waschbecken. Sie wusch sich die Hände, das Gesicht, die kleinen festen Brüste, wusch sich den leisen Geruch unter den Achseln fort, die schlanken Schenkel, - auch dazwischen - bis sich ihre Haut wie kühl schimmernde Seide anfühlte. Wieder ruhiger geworden konnte sie erneut den zauber- haften Atem dieser unglaublich ahnungsvollen Nacht spüren. Die Tränen versiegten, und wichen einem ganz kleinen Lächeln, von dem sie wusste, dass es sehr hübsche Grübchen in ihre Wangen zeichnete. Ganz langsam und fast feierlich ging sie zurück zum Fenster, griff mit beiden Händen zitternd nach dem Vergessen, spürte das glatte harte Holz unter den Fingerspitzen, in der Hand das Heft, das sie fest umspannte. Unerwartet schmerzhaft kalt fühlte sie den eisigen Stahl auf der Haut, die nadelscharfe Spitze.
Noch einmal füllten Trauer und Angst ihre Augen, ließen die Lider unruhig flattern, ihren Atem schneller über die Lippen sprudeln. Fast sehnsuchtsvoll sah sie lange in die sternenvolle Nacht mit den sanften Geräuschen der schlafenden Stadt. Weit schweifte ihr Blick über die letzten Lichter, die wie Glühwürmchen zu tanzen schienen, um dann ohne Grund zu verlö- schen. Es war, als wolle sie sich dies alles ganz fest einprägen, in dieser weiten dunklen Stille, voller mitternächtlichem Frieden. Zum ersten Mal fühlte sie sich mit sich selbst im Einklang, etwas wie ehrlich aufrichtiges Glück ohne jede Reue. Erleichterung durchflutete sie, wie nach glückstrunkener Erwartung, wie brennende Flammen der Leidenschaft in den ekstatischen Umarmungen, die sie stets zutiefst genossen hatte, mit jeder Faser ihrer Seele und des Körpers. Es füllte und beruhigte vollkommen ihren Geist. Die leise Angst und die Trauer, verflogen wie die weißgraue Taube, die nacht-und schlaftrunken dicht am Fenster vorbeiflog mit lautem Flügelschlag. Es erstaunte sie dann aber doch, dass es gar nicht weh tat, Nur ein leises schmatzendes Geräusch war zu hören, ein Reißen wie weiches Löschpapier, als das große glattgeschliffene Messer, sehr spitz - sehr scharf, sich bis ans Heft in den flachen Bauch bohrte, ohne große Kraft, mit einem winzigen Ruck das Leben zerteilte, dem warmen rubinroten Blut Bahn brach, wie einem erlösenden Traum.
Noch ehe sie langsam vornüber sank, sah sie mit einem Lächeln, aber auch mit einem seltsa- men Staunen, auf das strömend pulsierende Blut, ihre rubinverfärbten Hände, die warm umspült wurden.
Sie hatte es vollbracht. Kein Schrei kam über ihre Lippen, keine Spur von dieser Angst, dieser ihr so schrecklich vertraute schwarze Greifvogel mit den mächtigen Schwingen flog in ihr auf. Ein leiser heftiger Atemzug, ein kurzes Beben, ein kaum hörbarer gurgelnder Laut - und als die warme Flut das Fensterbrett mit Purpurfarbe überschwemmte, da schien die Welt den Atem anzuhalten, die Sterne ihren Gleichlauf der Ewigkeit zu unterbrechen, der Wind schwei- gend still zu lauschen. Alle Nachtdüfte und -geräusche schienen schlagartig in tiefes Schwei- gen zu verfallen, vielleicht nur einen Herzschlag lang, - dann brachen ihre Augen, sahen nur noch dunkelheit in dieser sanften lauen Nacht. Fast zärtlich schmiegte sich ihr elfenbeinerner Leib über das Fensterbrett, wie eine riesige Hängepflanze. Der Wind begann wieder zu leben in vorsichtig behutsamen Atemzügen, blies eine sanfte Brise über ihren gebeugten Rücken, fing sich leise gurgelnd im Tal zwischen ihren Brüsten.
Und aus der nahen Ferne klang leise rufend: “Cut ... danke ...”
Da richtete sich das zarte Elfenwesen wieder auf, warf einen scharfen Blick in die Runde und brüllte mit schriller Stimme: „Welches Arschloch denkt sich eigentlich so eine Scheißge- schichte aus, das ist doch purer Kitsch, verdammte Scheiße ... mir ist kalt ... Hey Charly, verdammt noch mal, kann ich endlich so was wie `nen Kaffee kriegen ...?“
© Hans B.
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