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Sehen und begegnen
Es war einer dieser letzten warmen Herbsttage, eine sonnenverwöhnte Einladung zum Bummel durch die Stadt, ohne wirkliches Ziel oder Sinn. Die ersten Schaufenster wurden jetzt täglich eleganter und festlicher, gaben erste Hinweise auf die nahenden Festtage zum Jahresende. Es war ab und an wirklich schön diese fantasievollen Arrangements hinter dem polierten Glas zu betrachten, sich in Farben und Formen zu verträumen.
Auf der Schadowstraße begegnete mir ein junges Paar. Der Mann hatte ein etwas blass vorneh- mes Gesicht. Die Frau sah eher provinziell und bäuerlich aus. Sie waren beide gut gekleidet, ohne irgendwelche aufdringliche Eleganz, gingen sehr aufrecht, Schulter an Schulter, fast gleich- groß, die Köpfe gerade ausgerichtet, manchmal zum Himmel schauend. Der Mann hielt mit seiner linken Hand die rechte Hand der Frau sanft umschlungen, - ein Ein- kaufsnetz mit einigen bunten Paketen darin in der anderen Hand.
Es war etwas seltsames um sie herum, das ich aber nicht zu erkennen oder benennen vermoch- te, irgendwie unergründbar - jedenfalls nicht unmittelbar. Keiner der beiden bewegte den Kopf, wenn der andere ihn nicht auch bewegte. Es sah ein wenig synchronisiert, stereotyp aus, oder so etwas ähnliches. Als ein Junge mit Inline-Skatern an ihnen vorbeilief, wichen sie behende ein wenig zur Seite aus. So konnte ich zum ersten mal erkennen, dass die Frau hochschwanger war. Dann sahen sie sich an, lächelten. Aber das Lächeln lag mehr in ihren Augen, als um den Mund, der solches nur hauchfein andeu- tete. Ihre Hände schlangen sich sichtlich etwas fester ineinander, schienen förmlich Korrespon- denz und Kommunikation zu halten, von intensivster Art. Sie sahen jetzt nicht mehr richtig wie zwei Menschen aus, sondern wie ein Paar, aus gleichartig ähnlichem Grundmaterial geschaffen, fast ein gemeinsamer Körper, gemeinsame Seele, mit zwei Köpfen.
Ich fragte mich unbewusst, ob sie ein Ehepaar waren, aber nicht warum, denn ein wenig - das muss ich gestehen - neidete ich ihnen die innige Gemeinsamkeit. Haltung und Schweigen zeigten bei den beiden beinahe etwas königlich Erhabenes. Ja, sie schwiegen - schon die ganze schier endlose Zeit, da ich sie beobachtete und sie neben- einander herschritten. Das fiel mir jetzt ganz deutlich auf. Sie standen sich nur nahe, sahen sich an, lächelten mit einer Wärme in den Augen, die selbst einen Eisblock in Sekunden zum Schmelzen gebracht hätte, die Hände ineinander verschlungen, - aber wortlos schweigend. Plötzlich unvermittelt lösten sie sich voneinander, bewegten sich ihre Hände völlig lautlos auf eine sonderbare, geschäftige und vielseitige Weise, schienen mitzuteilen. Die Finger formten irgendwelche schnellen Zeichen und Figuren, unterstrichen von Gesten und Mimik, die ich nicht zu verstehen vermochte.
Ich sah ihnen eine Weile zu, erstaunt und fasziniert. Der Mann lachte aus vollem Hals, aber ohne den geringsten Laut über die Lippen zu bringen. Er zog die Schultern hoch und sah in die strahlenden Augen der Frau, ihr heiteres Gesicht, die auch lachte, ebenso stumm. Er küsste die Innenfläche ihrer Hand, die sich zärtlich für eine Sekunde auf seine Wange legte. So wandten sie sich ab, fassten sich wieder bei den Händen wie auf ein unhörbares Signal und gingen sehr aufrecht, Schulter an Schulter, mit ruhigen Schritten durch den laut murmelnden Menschenstrom weiter.
Ich folgte ihnen, wie unter Zwang, als dürfe ich sie keinesfalls aus den Augen verlieren.
Ein kleines Mädchen kam an der Hand einer Frau vorbei, sang laut und schräg und mit falschem Ton ein mir unbekanntes Lied in einer fremden Sprache. Das Paar wandte sich erneut einander zu, lächelte wieder warmäugig. Dann schwiegen sie wieder.
© Hans B.
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