|
Mord im Zipfelland
Der Oberzipfel, so lautet der offizielle Titel des jeweils regionalen Gartenzwergeführers. Zusammen mit vielen anderen regionalen Oberzipfeln überwachen sie die seit Ewigkeiten gewachsenen Regeln aller Gartenzwerge und bilden gemeinsam den Großen Oberzipfel Rat – die einzig wahrhaft erhabene Gesellschaft. Ein zünftiger Gartenzwerg muss sich zwingend und unbedingt an diese Regeln halten und wird sie niemals in Frage stellen. Er hat schwarze Stulpenstiefel, dunkelblaue oder braune Pluder- hosen zu tragen, gehalten von einem breiten Gürtel. Dazu ein rotes Wams, einen zotteligen weißen Bart – und als Wichtigstes: eine spitze, rote Zipfelmütze, im oberen Teil leicht eingeknickt. Manche tragen zusätzlich eine grüne Schürze oder eine braune Umhängetasche, aber das ist ohne weitere Bedeutung.
„Hier hat alles seine genaue Ordnung“, pflegt der Oberzipfel immer wieder seinen Untergebenen vorzuhalten. „Jeder von uns – ohne Ausnahme – steht auf seinem festen Standplatz. Es ist das Allerwichtigste, immer ganz genau zu wissen, wo man in einer Gemeinschaft seinen Platz hat! Dagegen zu verstoßen, nur schon an eine Abweichung zu denken, ist Verrat, eine Schandtat gegen jeden wahren Zipfel, - so steht es schon seit Ewigkeiten in den überlieferten Statuten."
Die Rangordnung der Gartenzwerge bestimmt sich mehr oder weniger nach ihrer zufälligen Posi- tion im Garten. Der Oberzipfel steht immer auf der höchsten Erhebung im Garten, ist sozusagen gottgegeben erwählt – in der Form eines lächerlich unbedeuteten Menschen, der ihn dort hinge- stellt hat, ohne zu ahnen, dass ihn dabei die Hand des Schicksals leitete.
Dem Oberzipfel haben alle – ohne Ausnahme – zu gehorchen. „Ich habe den besten Überblick“, verkündet er stolz, nachdem er seinen Platz eingenommen hat und somit in den großen Rat der Oberzipfel aufgestiegen ist, „ich kann alles sehen, vom Stiefmüt- terchenbeet bis zur Mülltonne am Gartenzaun, vom Geräteschuppen bis zu den Johannisbeer- sträuchern und dem Beet der Küchenkräuter. Die Welt hinter dem Zaun geht uns nichts an, so wenig, wie jene im Haus der Menschen.“ Sollte sich hinter dem Zaun ein weiterer Garten mit einer Zipfelkolonie erstrecken, so unterliegt diese den gleichen Regeln, ohne direkte Kontakte zum Nachbargarten zu unterhalten. Man beachtet sie vom eigenen Terrain nicht weiter, respektiert mit höflicher Ignoranz das angrenzen- de Zipfelland. Echte, traditionstreue Gartenzwerge geben sich immer fleißig, verachten jeglichen Müßiggang. Sogar jene, die für das menschliche Auge scheinbar nur herumsitzen und ihre Pfeife schmau- chen, behaupten mit tiefer Überzeugung, sie täten dies nur zum Wohle der Gemeinschaft. Sie müssen das wissen, denn es gibt nicht wenige dieser Art, die sogar eine Zeitung in den Händen halten. Deshalb gelten sie unter den anderen Zipfeln als besonders gebildet, - meistens ist es allerdings nur einer unter ihnen. Gartenzwerge sind immer miteinander verwandt, ohne dass es dabei zu Inzucht kommt, denn Gartenzwergvermehrung ist ein bestens gehütetes Geheimnis, in dem weibliche Zipfel nicht vor- kommen. Es wird allerdings so gut wie nie darüber gesprochen, wie sie sich vermehren, ein ech- tes Tabuthema.
Im vertrauten Kreis, mit sicherer Verschwiegenheit, roten Wangen und verlegen niedergeschla- genen Augen gibt der Oberzipfel schon mal leise flüsternd zu: "Manchmal träume ich ... von einer schönen ... mandeläugigen Frau, mit rotem Zipfel ... mit weichem Gemüt ... und warmer Haut, die mir jeden Wunsch von den Lippen abliest." Doch dann verstummt er schnell, denn die anderen Gartenzwerge stehen mit ausgebeulten Pluderhosen um ihn herum und wagen nicht, irgendetwas dazu zu sagen, ob sie womöglich ähn- liche geheime Wünsche pflegen. Die Welt der Zipfel ist eine heile Welt, die nichts mit jener problembeladenen der Menschen gemein hat. Dort herrscht Zufriedenheit und Idylle, schlimmstenfalls mal von Felix gestört.
Felix lebt im Nachbargarten, wo das geübte Auge ohne jede Anstrengung schon auf den ersten Blick erkennen kann, welch zweifelhafter Geist dort sein Unwesen treibt und jeglichen Sinn für Ordnung und gerade Linien vermissen lässt. Der Rasen ist ungepflegt, krumm und schief geschnitten, großfleckig verwelkt und angebräunt, von Unkraut überwuchert. Die Beete sind ohne Sinn und Verstand angeordnet, teilweise völlig heruntergekommen, mit krummen Einbet- tungen und unbeschnitten auswuchernden Sträuchern mittendrin.
Kein Gartenzwerg kann da Methode und Sinn erkennen. Felix ist ein weißer Pudel, modisch getrimmt, mit Lockenrosetten an Schwanz und Beinen, mit Lockenkorsett rund um den Vorderleib und einem Krönchen weißer Locken auf dem geistlosen Spitzschädel. Felix sieht feminin und elegant aus, bewegt sich trippelnd wie ein affektiertes Lauf- stegmodel, ist aber eindeutig ein Rüde, wahrscheinlich eine echte weiße Tunte. Dieser fette, menschliche Besitzer des Nachbargartens hat ihn in diesen Frühlingstagen seiner Frau gekauft, - auch so eine Pummelige, mit Doppelkinn und Damenbart auf der Oberlippe. So kann er seine Aufmerksamkeit anderen Interessen zuwenden, ohne dass sich seine nörgelnde Ehehälfte sogleich vernachlässigt fühlt. Dass er dabei eine ganz bestimmte Weibliche im Sinn hat, wird sie nie erfahren. Allerdings ahnt er dabei auch nicht, was er mit der Anschaffung von Felix anrichtet, - oder es interessiert ihn schlicht nicht, was noch viel schlimmer ist. Denn ab und zu darf Felix leinenlos frei im Garten stromern, während seine Besitzerin Sahne- torte schmausend auf der Terrasse sitzt und dazu heißen Kaffee schlürft. Die kurze Winterepiso- de ist vorbei, es herrschen seit mehr als vier Wochen milde Frühlingstage, alles blüht neu und gedeiht. Felix steht der ganze ungepflegte Garten zur Verfügung, doch der scheint ihm nicht fein genug um seine Duftmarken zu setzen. Schließlich ist er edel getrimmt und somit zu Höherem geboren, glaubt er zumindest. Nach einer ersten, kurzen Stippvisite zwischen krummen Beeten erkennt er sofort seinen Vorteil im nachbarlichen Terrain der roten Zipfel. Den niedrigen Maschendrahtzaun kann er spielend leicht mit einem Satz überwinden um sich dann Erleichterung und Vergnügen zu verschaffen. Zwar buddelt er keine Löcher, wie ein räudiger Dackel, wälzt sich auch nicht im Gras, frisst keine Blumen ab, steckt aber seine Nase überall dort hin, wo sie nichts zu suchen hat.
Zumindest sehen das die vereinten Zipfel so, - denn sie müssen durch Felix leiden.
Ich verspreche Ihnen, diese Erzählung wird noch ganz anders, als Sie erwarten und sehr unterhaltsam, etwas für Freunde des extra schrägen Humors und trotzdem auf seine ganze eigene Art auch ein Krimi.
|