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1. Kapitel - So begann es.....
Ich wollte nicht, ich mochte nicht und bin dennoch gezogen in jene Tage, die mir aus einem anderen Leben scheinen, das nicht das meine ist, vertraut und voller Dunkelängste. Kalt ist es dort, wohin es mich treibt, nur nicht loslassen, die Nabelschnur fest verankert in der Gegenwart, - nur nicht loslassen. Meine früheste Erinnerung, nebelhaft und metamorph, laut, immer laut und kalt, metallischer Lärm und rhythmisches Schlagen von Eisen auf Eisen, unendlich lange, monoton. Nebel, Nebel umgibt mein Denken, meine Erinnerung, die Nebel vom Eschbachtal, das Bergische Land, Regenloch und pfeifende Winde und dunkle Waldtäler, murmelnde Bäche, verwunschene Wege, Fachwerk- häuser und Schieferwände, gekauert an die schroffen Hügel, Nebel, der den Blick der Augen begrenzt. Tiefer will ich – muss ich tauchen, hindurch unter dem Nebel und dem fernen Rauschen der Wasser, in jenen lauten Lärm, der mich begleitete in jenes Leben, das weit hinter mir liegt und doch so greifbar nah ist. Ich muss nur meine Hand ausstrecken und kann es berühren und fühle den Schmerz, der mich zerreißt, der kalt über mein Gesicht fegt. Da ist Schmerz, unsagbar viel Schmerz, der die Haut aufreißt und peitscht und fetzt und stinkt, - direkt hinter dem Nebel, und doch auch helles Sonnenlicht nach bitterer Kälte. Und wieder ist es laut, laute Stimmen, gesichtslose Gesichter und graue Hände, die mich hochheben, laute Stimmen, die etwas sagen, ohne jede Bedeutung. Menschen, immer mehr Menschen, lachen und reden immer lauter und zeigen mit dem Finger auf mich. Menschen in grüner Kleidung, schmutzig schwarze Menschen, kleine Menschen, große Menschen, mit kalten Händen, Menschen ohne Haare und solche mit vielen Haaren mitten im Gesicht. Sie sind laut und leise, andere noch lauter, schreien und rennen, stehen still und halten eine Hand an den Kopf, ohne jede Bedeutung. Stille ist ein wunderbares Gefühl, auch Wärme, ringsum Wärme, dann wieder Hände, die an mir zerren, mir vom Leib reißen, was mich wenigstens ein wenig warm hält. Ich brülle aus Leibeskräften, - doch jetzt ist es nicht kalt. Menschen lachen, seltsame Menschen, schmutzig dunkel, aber mit warmen Händen, die mich wieder hochheben, die an mir herumfingern, mir ein kaltes, großes Etwas auf den Bauch legen, auf meine Brust, auf meinen Rücken, mich dann endlos lange einwickeln in Tuch um Tuch, ein kuscheliges Fell, eine warme Decke und geben mir Nahrung, Milch aus einer Brust, die keine ist, aber sich genauso warm anfühlt und Sicherheit gibt. Schlafen, schlafen, Nebel umwabern mich, wie die Nebel des Eschbachtals, totale Erschöpfung, kraftlose Müdigkeit, schweben in Erinnerung, die ich nicht will. Dann wieder Lärm, Schmerz in meinem Arm, eine gigantisch große Nadel durchsticht meine Haut. Und wieder Menschen um mich her. Einer, schmutziger noch als andere vorher, redet auf mich ein, ohne dass ich irgend etwas verstehe. Aber es klingt beruhigend, es fühlt sich gut an, wie er mit riesigem schwarzen Finger meine Wange streichelt, und dann Platz macht für einen anderen Menschen, sauber und hell, der mich befreit vom Schmerz und Gestank, mich wäscht und pudert, während ich kraftvoll brüllend auf irgend etwas liege, was sehr hart und kalt ist. Wieder werde ich eingehüllt von weißem Nebel aus Tüchern und noch mehr Tüchern, bis mir wieder ganz warm wird. Menschen stehen um mich herum, Menschen in grüner Kleidung, reden und lachen und machen Platz für noch einen, auch in grüner Kleidung. Der spricht sehr laut, mit dröhnender Stimme, während alle anderen plötzlich schweigend zur Seite treten. Ein seltsames schwarzes Etwas wackelt im Mundwinkel dieses neuen Menschen, das qualmt und stinkt, wenn er bellend spricht. Die anderen Menschen lachen, sind sauber und schmutzig und etwas schmutzig und ganz hell sauber und beugen sich zu mir, betrachten mich mit diesen riesig großen Augen. Wieder sagt der Stinkende etwas mit sonorer Stimme und beugt sich zu mir runter, bläst mir grauen Rauch ins Gesicht und bellt laute Worte zu den Umstehenden, die alle gleichzeitig irgend etwas sagen, die Hand an den Kopf legen. Dröhnendes Stampfgeräusch von allen Seiten, Menschen hoch aufgerichtet folgen mit den Augen dem Stinker zur Tür. Ganz saubere, helle Menschen sprechen nun, mit hellen Stimmen, so wohlklin- gend wie Musik und alle gehen, die Schmutzigen, die ganz Schmutzigen, die ganz wenig Schmutzigen und auch die hellen Sauberen, die Lachenden und alle in grüner Kleidung. Nur ein paar bleiben, geben mir wieder diese Nahrung aus der falschen, warmen Brust, die wunderbar meinen nagenden Hunger stillt. Schlafen, schlafen, wieder schlafen, ruhige Zeiten folgen nun. Nebel wallt um mich, Nebel, aber anders als im Eschbachtal, vermischt mit sanften Farben, Nebel der Erinnerung aus Schlafen und Nahrung, aus Wärme und vielen Gesichtern, die dicht vor mir sich zu mir beugen, mich ansehen, schmutzige Gesichter, saubere Gesichter, warme Hände, schmutzige Hände, große Finger, helle Finger und schwarze Finger. Immer wieder neue Menschen und erste nebelhafte Brocken von Worten. „... get out ... dont touch ... no … utschigutschigutschi … stop it ... silence please … yes Sir ... aye Sir … yes Sir … ready Sir … yes Sir …” So lernte ich sprechen, die Sprache der Menschen um mich herum, immer wiederkehrende Worte, die sich tief eingruben in mein Gedächtnis: „Yes Sir ...“ Die Bedeutung verstand ich nicht wirklich, aber auch nicht von „utschigutschigutschi“, liebte aber den Geschmack von etwas Dunklem, das mir immer wieder schmutzige und saubere Menschen und ganz schmutzige Menschen mit schwarzen Fingern sanft in den Mund schoben, mich daran nuckeln ließen, bis sich die Süße wohlschmeckend in meinem Mund löste. Ich brüllte wie am Spieß, wenn ich nicht genug davon bekam und wollte immer mehr, und verlor die Angst vor schmutzigen Menschen mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen, schlief auf ihrem Arm, auch bei den ganz schmutzigen Menschen, so tiefschwarz wie die Nacht. Und gewöhnte mich an den Geruch, den sie verbreitetem, stechend scharf, bitter ölig und tranig, rauchig und warm und seltsam frisch, wie kühler Wind an heißen Sonnentagen. Das war ohnehin wunderbar, liegen in einem Korb, voller weißer Tücher, die Sonne schien, konnte aber nicht blenden, da ihr ein buntes Tuch die direkte Sicht auf mich verwehrte, während ganz in der Nähe, laut und metallisch rasselnd und dröhnend, ein riesiger, stinkender Drache vorbei zog. Menschen rannten in großen Gruppen über den Platz, einer von ihnen brüllte etwas laut und alle standen still. Oft kamen auch kleine Drachen, nicht minder stinkend, aber viel leiser, fast schleichend, an meinem Sonnenplatz vorüber. Pünktlich, noch ehe sich mein Hunger zu melden schaffte, war dann wieder diese falsche Nahrungsbrust zur Stelle, wurde ich dem inzwischen vertrauten Ritual der Befreiung von Gestank und Schmerz zugeführt, wechselten diese wunderbar weichen Tücher, bis mir wieder ganz wohlig war. Da waren diese hellen Menschen, ganz hell, aber auch einige mit schmutzigen Gesichtern und großen Augen und schwarzen Händen, mit hellen Stimmen und solchen wie rollender Donner in schlafarmen Nächten. Gellend schreiende Silbervögel zogen manchmal an diesem blauweißen Himmel über meinem Sonnenplatz, und sogar ein fliegender Drache dröhnte unglaublich laut ganz in der Nähe vorbei und verschwand hinter einem großen Backsteinbau. Doch wenn mich das ängstigte und ich laut zu brüllen begann vor Schreck, kam sofort diese Frau in Weiß mit den großen Augengläsern und der sanften Stimme, mit dem ganz sauberen Gesicht und den hellen Händen und brachte mich an einen ruhigen Platz. „Yes Sir ...“, lernte ich schneller als alles andere, nur dieses seltsame Legen der Hand an den Kopf mochte mir nicht gelingen. Es war schwer das nachzumachen. Nebel wallt in mir, bunter Nebel, nicht aus dem Bergischen Land, aber laut und kreischend, schrill und bunt, Nebel der undeutbaren Erinnerung. Beständigkeit stellte sich ein, ein riesengroßer, sehr schmutziger Mensch, ein Mann in grüner Kleidung, mit schwarzem Gesicht und Händen, aber mit einer warmen, tiefen Stimme und unerschöpflich viel von dieser Süße, die ich zu lieben gelernt hatte. Er gewann mein Vertrauen, war immer wieder da, wenn ich erwachte, wenn ich schlecht schlief, oder wenn die Sonne schien, draußen auf meinem Sonnenplatz - und auch bei den ersten Versuchen irgend etwas sinnvolles mit meinen Beinen anzufangen. Krabbeln konnte ich schon gut und schnell. Auch mehr an Worten brachte er mir bei. „Gut Morning, Sir … heff a neis Dee … ollreit, Mam … Yes, Sir … senk ju … plies … Schokol..t … hanga … i mast piss … Shit … schat ap … get out … Bullshit …” Noch immer fiel es schwer, die Worte den Dingen zuzuordnen, aber “Yes, Sir” war ein Wort, dass immer gut und angebracht schien. Ich hatte sogar ein wenig gelernt die Hand an den Kopf zu legen und der schmutzige, dicke Mann in grüner Kleidung versuchte lachend mein Können darin zu verbessern. Viel Zeit verbrachte ich mit anderen, mit ganz anderen Menschen, bunt waren sie, sehr bunt und kreischend laut und sprachen seltsam – und waren plötzlich einfach weg. Dafür rasselte etwas hinter mir im Lichtstrahl, statt leise zu summen und ein monoton schabendes Geräusch wiederholte sich minutenlang. Aber sobald ich laut brüllte, kam irgendwer, machte irgend etwas und die bunten Wesen oder Menschen waren wieder da, kreischten und lachten und brabbelten Unverständliches wie zuvor. Greifen konnte ich sie nicht, sie strei- chelten auch nicht mit einem Finger mein Gesicht, beugten sich nicht zu mir in meinen großen, warmen Korb, aber ich hatte keine Angst vor ihnen. Auch der Stinker kam noch ein- zweimal, immer mit diesem rauchenden, schwarzen Etwas im Mund, redete nicht mit mir, sondern mit anderen Männern in dunklen Anzügen, mit und ohne Brille auf der Nase, und schien sehr unzufrieden, - im Gegensatz zu mir, einem wohlgenährten Baby, das mit allem versorgt wurde, was es brauchte. Aber er ging nie, ohne einen letzten Blick in meinen Korb zu werfen, grinste breitmundig und zwinkerte mir zu. Doch noch während er die Hand nach mir ausstreckte, um mein Gesicht zu berühren, kam bereits diese hell klingende Stimme aus dem Hintergrund: „Please, don´t touch, Sir ...“, die keine Diskussion und Widerspruch duldete. Dann zog er die Hand sofort zurück, grinste und zwinkerte noch einmal, und tauchte lange nicht mehr in meiner Nähe auf. Ich lernte sprechen, immer mehr und lernte laufen, immer mehr und vermisste nicht die selten gewordenen Treffen mit den kreischenden, bunten und ungreifbaren, ganz anderen Menschen, die immer das Gleiche machten, in derselben Reihenfolge, was ich aber noch immer sehr lustig fand. Lieber lief ich mit den Männern in der grünen Kleidung über diesen großen Platz, saubere und schmutzige Männer, sehr schmutzi- ge Männer, mit schwarzen und braunen Gesichtern und Händen, und haarlose Männer, junge und ältere Männer, große und kleine. Ich brüllte mit ihnen irgendwelche Lieder, deren Sinn ich nicht verstand und konnte nicht mithalten, wenn sie laut stampfend im Eiltempo dahinzogen, immer im Singsang miteinander verbun- den. Einer sang ihnen voraus, die anderen folgten. Aber sie freuten sich, wenn ich einige Meter an ihrer Seite war, schwitzten und lachten mir zu, schenkten mir Süßes und Schokolade, Kaugummi und noch mehr Süßes und zogen mich rasch beiseite, wenn ich mit einer dieser röhrenden und rollenden Kisten zu kollidieren drohte, die ebenfalls auf diesem Platz herum kurvten. Es war ein wunderbarer Spielplatz für einen kleinen Jungen. Aber der dicke, ganz besonders schmutzige Mann mit dem tiefschwarzen Gesicht und den schwarzen Händen, in grüner Kleidung, musste deswegen stillstehen vor dem Stinker und wurde angeschrien und war ganz leise, weil ich so oft mit den Männern gelaufen war und meinen Riesenspaß dabei hatte. Er musste erzählen, dass ich auch die Hand an die Stirn legte, wenn andere Männer früh am Morgen ein buntes Tuch an einem endlos hohen Mast hinauf zogen, und dass ich es immer wieder tat, noch ehe ich gegessen hatte. „Yes, Sir ...“, Hand an die Stirn, schnelle Kehrtwendung und raus. Jetzt durfte ich nicht mehr mit den Männern laufen und das war schlimm. Ich verstand es nicht, aber ich bekam noch immer Süßes von ihnen und Schokolade und das entschädigte. Einer schenkte mir grüne Kleidung, wie sie die Männer trugen, mit ganz vielen Taschen um meine kleinen Schätze zu verstaunen und ganz kleine schwarze Stiefel, und eine dünne Kette mit einem Schild daran. Die sollte ich jetzt immer um den Hals tragen, und ich musste versprechen und die Hand darauf geben, dass ich das auch tun würde, feierlich und ernsthaft. Ich konnte nicht lesen, was die Karte bedeutete, konnte die Schrift nicht lesen, kannte aber einige der bunten Bilder darauf, weil sie überall in meinem Zuhause für mich zu sehen waren. Viele Jahre später erst erfuhr ich den Sinn: „Dieses Kind – Fritz Schmidt – ist Eigentum der United States Army“ – und dann noch eine genaue Handlungsanweisung in zwei verschiedenen Sprachen, wohin ich zu bringen wäre, wenn ich orientierungs- und begleitungslos irgendwo aufgegriffen würde. Es waren diese Tage, wo ich zu verstehen begann, dass es zwei Sorten Menschen gibt. Die einen sprachen meine Sprache, trugen wie ich grüne Kleidung mit vielen kleinen Taschen und einem dicken Gürtel, redeten laut und sagten immer wieder so Worte wie „Yes, Sir ...“ – „... Yeah, Mam ...“ – „... right, Sir ...“ Aber es gab auch andere, die völlig unverständlich sprachen, die mir heimliche Blicke zuwarfen, die sich mit Colonel Stinker stritten, aber in so großer Entfernung, dass ich kein Wort verstehen konnte. Billy Master Chief, der dicke, große schmutzige Mann mit dem tiefschwarzen Gesicht und Händen, der immer ganz in meiner Nähe weilte, selbst wenn ich ihn nicht sah oder seine Nähe ahnte, sagte mir nichts über das, was da gesprochen wurde, bestätigte aber mit lächelndem Blick, dass da von mir die Rede war.
Nebelbänke rückten näher, es wurde immer kälter, seltsamer weißer Schnee fiel vom Himmel, und ein bunter Lichterbaum brannte in einem großen Raum, wo sich ungeheuer viele Menschen versammelt hatten und alle waren fröhlich. Kaum einer trug grüne Kleidung, bunt und schön sahen sie alle aus. Colonel Stinker sprach zu ihnen, auch an diesem Tag mit Zigarre, wie ich inzwischen gelernt hatte, und sprach mit unerwartet ruhiger Stimme, statt wie sonst bellend laut. Aus einem großen Sack gab es viele weiße und blaue Postumschläge für die Männer und Frauen und keinen für mich, was mich sehr ärgerte. Für jeden gab es auch ein buntes Paket und ganz viele für mich, unsagbar viele, und alle gefüllt mit Süßem und Schokolade und anderem Naschwerk, und mit kleinen Schuhen, und bunten Strümpfen, und Hosen und Hemden, ein Paar bunte Fäustlinge für die Hände, Pullover und einen Schal, helle Holzwürfel, ein hölzernes Pferd, bunte Bilderbücher mit Enten und kleinen Hunden drin und vieles, was die Erinnerung bunt verwischt. Ich saß zwischen kleinen Bergen von Dingen, die ich nicht kannte und zu nutzen wusste. Aber ich war voller Vertrauen, dass Maggy, die enorm dicke und schwarze Frau, oder Billy Master Chief mir zeigen würden, was ich damit anfangen konnte. Er hatte sich auch an diesem Tag – wie ich meinte - mal wieder nicht richtig gewaschen, war schmutzig und dunkel glänzend, hatte aber darauf bestanden, dass ich mich umso gründ- licher wusch.
Nebelbänke rückten näher, Nebelbänke wallten auf, Nebel wie aus dem Eschbachtal, eisig am frühen Morgen, alles verschlingend wie am Abend. Die Nebel hatten mich gefunden und zogen mich mit sich, forderten den Preis, zogen mich in ihre Tiefe, weg von den freundlichen Menschen, die lachten und brüllten, die die Hand an die Stirn legten und mir Süßes und Schokolade schenkten. Menschen, die weinten und ich verstand nicht warum, fühlte aber die Angst vor etwas, das näher rückte, wie die Nebel vom Eschbachtal, das in greifbarer Nähe war. Nebelbänke rückten näher, kalte Regenwinde des Bergischen Landes, tiefer Schnee in nahen dunklen Wäldern und längst vergangene Erinnerungen, die wieder erwachten. Meine früheste Erinnerung, nebelhaft und metamorph, laut, immer laut und kalt, metallischer Lärm und rhythmisches Schlagen von Eisen auf Eisen, unendlich lange monoton, mit schrilllauten Pfiffen und zischendem Dampf. Anders dieses Mal, und dennoch entschwand Vertrautes endgültig, die Männer in der grünen Kleidung, Maggy, Commander Stinker und dieser sonnenüberflutete Platz vor dem Haus. Ich fand mich wieder mit meiner kleinen grünen Uniform, meinen kleinen schwarzen Stiefeln, glänzend geputzt und einem kleinen rot-weißen Pappkoffer, randvoll gefüllt mit Süßem und Schokolade. Und mit Billy Master Chief, schwarz glänzend wie immer, in einem monoton ratternden Zug, schlagen von Eisen auf Eisen, monoton und stundenlang. Eschbachtal schrie, schrie nach mir, kalter Nebel streckte gierig seine Finger nach mir, ohne dass ich etwas Böses ahnte. Die Dunkelheit kam drohend näher. Nebel, Nebel des Eschbachtals, Nebelbänke rückten näher, der kalte Wind des Bergischen Landes streifte schon meinen Nacken. Zurück blieben die sanften Hügel von Heidelberg, das weite Kasernengelände und meine Kette, die ich nun nicht mehr tragen durfte, ohne dass ich es besonders bedauerte. „Die Männer sin alle Verbrescher ...“, sangen Billy Master Chief und ich mit ungelenker Stimme und typisch anglo-amerikanischem Slang, nicht schön, aber schön schief und laut und schräg, ein populärer Schlager dieser Tage, als Eschbachtal näher kam, „... ihr Harz is ein finsteres Loach, da drinnen sind viela Gemächer, aber lieb ... aber lieb sin se doch ...“ Viele Augen bedachten uns mit bösen, unwilligen Blicken, aber wir spürten das nicht einmal, sangen lauthals weiter. Ich wollte die Schinkenbrote nicht, die Billy Master Chief mir zum Essen anbot, lachte und war überdreht, wollte erst essen, wenn er sich einmal, nur einmal richtig waschen würde, so wie ich, - während er mir vergeblich zu erklären versuchte, dass er sich waschen konnte so fest und lange wie er wollte. Er würde nicht werden wie ich, nicht wie die meisten anderen Menschen in dem Zug, würde immer diese schwarze Haut haben. Ich glaubte ihm kein Wort. Er konnte mich nicht überzeugen, so sehr er sich auch bemühte. Selbst, als er mir gestattete mit Spucke und meinem Daumen über seinen Handrücken zu reiben und die Haut genauso dunkel blieb wie vorher, war ich noch lange nicht überzeugt. Stattdessen sangen wir noch einmal unser schräges Lied und ich überzeugte mich genau, ob mein Schinkenbrot wirklich sauber war, als der Hunger größer wurde. Es war sauber, es war lecker, keine Beanstandung, auch nicht beim zweiten. Ich trank etwas Juice dazu, kannte kein anderes Wort dafür, aber es löschte herrlich den Durst. Die Nebelbänke rückten näher, Nebelbänke wallten auf, Nebel wurde dichter und dichter, Eiseskälte zog durch den Zug, Eiseskälte wie aus dem Eschbachtal, das plötzlich ganz nahe war. Tiefe Täler und tief verschneite Hügel zogen am Zugfenster vorbei, tief geduckte Häuser, schneeverweht zwischen Felsen- schluchten und dunklen Wäldern, mit zerbombten Trümmer- wüsten da, wo einstmals große Fabriken standen, - während ich ahnungslos eingeschlafen war, fest eingewickelt in eine warme Decke mit der Aufschrift: US Army.
Und dann hatte mich Eschbachtal erreicht. Ich weinte bitterlich, als ich aussteigen sollte aus dem noch halbwegs warmen Zug in die Eiseskälte des Bergischen Landes, meinen kleinen rot-weißen Pappkoffer fest im Griff, denn er barg meine kostbarsten Schätze, während Billy Master Chief einen großen Koffer trug, in dem meine Kleidung und alles andere war, was mein Leben betraf. Der Weg durch die Winterkälte war nicht weit. Ein vorher aus Heidelberg bereits geordertes Auto wartete am Bahnhof und drinnen war es wieder etwas wärmer, aber immer noch kalt und feucht, während draußen vor den Scheiben die Nebelbänke vorbeizogen, nur kurze Sicht erlaubend. Eschbachtal war da, Eschbachtal mit seinen dunklen Wäldern, mit seinem Nebel, rund um ein düsteres, rotes Backsteinhaus mit hohem Zaun und großer Tür, und blassem Licht über dem Rahmen und einem verwil- dertem, völlig zugeschneiten Hof. „Lasset die Kinder zu mir kommen ...“ stand in steilen schwarzen Buchstaben über der grünen Holztür, mit einem glänzenden Kreuz links und rechts. Aber das konnte ich nicht lesen, denn ich verstand diese Sprache nicht und lesen konnte ich auch nicht. Billy Master Chief klingelte und nach einer Weile wurde geöffnet. Vor uns stand eine ältere Frau mit strengen Gesichtszügen und mein großer, schwarzer Begleiter sprach mit ihr in einer Sprache, die ich nicht verstand. Als wir hinein gingen, empfing uns ein kalter und großer Raum, mit einer gelblichen Lampenschale an der Decke, die nicht viel Licht hergab. Viele lange, dunkle Holztische reihten sich zu einem großen, offenen Quadrat aneinander und noch viel mehr Stühle standen dahinter. Es herrschte nahezu vollkommene Stille, mit leisem Gemurmel irgendwo aus einem anderen Nebenraum, den ich nicht sehen konnte. Jemand weinte leise, unsichtbar versteckt, und ein seltsamer Geruch nach Bohnerwachs drängte in meine Nase. Ich sah mich um und war froh, dass wir bald zu den lachenden Menschen in den grünen Uniformen zurück- kehren konnten, denn dort war es zum Glück nicht so drohend düster und unheimlich wie an diesem Ort. Doch Eschbachtal hatte mich eingefangen und seine Klauen in mich geschlagen, wollte mich nicht mehr freigeben. Mein großer Koffer mit all meiner Kleidung wurde der Frau mit den strengen Gesichtszügen übergeben. Meinen kleinen rot-weißen Pappkoffer nahm sie mir einfach weg, obwohl ich tapfer darum kämpfte, ihn um keinen Preis hergeben wollte. Aber sie war stärker und sprach scharf mit mir in dieser fremden Sprache, ignorierte mein Weinen und Brüllen und ließ den Koffer hinter sich verschwinden, nachdem sie ihn mir brutal aus der Hand gerissen hatte. Ich weinte und schrie und weinte, wollte mein Süßes und meine Schokolade wieder, meinen kostbaren Schatz, und wollte nach Hause, zu den Männern in den grünen Uniformen. Aber ich war jetzt nicht mehr Eigentum der US Army, sondern von Eschbachtal. „Dont cry Fritz ...“, sprach Billy Master Chief mit seiner tiefen Stimme ruhig auf mich ein und sah mich dabei nicht an, um zu verbergen, dass er selber weinte. Aber seine Stimme klang hörbar seltsam: „You are a Big Boy ... dont cry ... okay ... take it easy ...“ Mir dämmerte langsam etwas, aber ich bekam nicht genug Zeit, um es zu verstehen. Er ging schneller, als wir gekommen waren, strich mir ein letztes Mal sanft und zärtlich über den Kopf, schloss schnell die grün gestrichene Holztür hinter sich. Dann röhrte draußen ein Motor auf der verschneiten Straße auf. Er hatte mich allein zurück gelassen. Ich schrie, schrie wie noch nie zuvor in meinem Leben, schrie und weinte, schrie nach Billy und sogar nach Colonel Stinker, und weinte und schrie. Ich wäre in diesem Moment bereit gewesen, selbst leuchtend grüne Menschen schön zu finden, und Billy musste sich nicht waschen, sollte schwarz bleiben, so wie er wollte, - aber ich wollte nicht zurückgelassen werden. Und diese fremde Frau schrie auch, aber ich verstand kein Wort. Eine schallende Ohrfeige vermochte mich nicht zum Schweigen zu bringen. Billy Master Chief hatte mich zurück gelassen in der Eiseskälte des Bergischen Landes, in den düsteren Nebeln des Eschbachtals, einem halbdunklen, kalten Raum, mit irgendwem in irgendwelchen anderen Räumen und einer Frau mit strengem Gesicht, die meine Sprache so wenig verstand, wie ich die ihre. Sie zog mich trotz aller Gegenwehr durch den nach Bohner- wachs riechenden Raum, vorbei an plötzlich auftau- chenden anderen Kindergesichtern, die mich angstvoll anstarrten. Ich sah meinen kleinen rot-weißen Pappkoffer nie wieder und auch kein Stück von meinem Süßen und meiner Schokolade tauchte jemals wieder auf, als hätte es das alles nicht gegeben. Jahrelang sollte ich kein Süßes und keine Schokolade mehr zu Gesicht bekommen. Von meinem großen Koffer mit all den schönen Sachen und Geschenken blieb nicht mehr als ein paar Schuhe, zwei Unterhosen, ein Pullover, zwei Paar Strümpfe, eine Jacke und eine Mütze. Alles andere verschwand spurlos. Noch am selben Tag verschluckten die Nebel des Eschbachtals meine kleinen, blankgeputzten Stiefel und ließen sie nie wieder auftauchen. Mit ihnen verschwanden auch meine kleine grüne Uniform und mein bunter Schal. Zurück blieb nur ein kleiner Junge, der die Sprache nicht verstand, die um ihn herum gesprochen wurde und den umgekehrt auch niemand verstand, dem zum ersten Mal in seinem Leben ins Gesicht geschlagen worden war, dass die Wange immer noch brennend weh tat, - und der seinem kostbaren Schatz weniger nachweinte, als den lachenden Männern in den grünen Uniformen und besonders Billy Master Chief. Es war viel zu unvorstellbar, dass er ihn nie wieder sehen würde, als dass er sich das vorzustellen wagte. Nacht hatte mich eingefangen, die Dunkelheit des Eschbachtals, und so weinte ich die halbe Nacht in einem kratzigen Eisenbett, aufgestellt in einem großen kalten Raum, zusammen mit vierzig weiteren Betten und Kindern, die auch Nachts häufig leise weinten, vor Kälte mit den Zähnen klapperten. Noch einmal kam die Frau mit dem strengen Gesicht, riss mich heftig hoch, schrie mich an und schlug mir kraftvoll auf den Po, dass die Haut brannte. Ich verstand sie wieder nicht, ahnte und fühlte aber, dass sie verlangte, dass ich zu weinen aufhörte. Ich tat es nicht, weinte nur umso lauter, denn ich wollte nicht dort sein, wo ich war. Also lehrte man mich die strengen Regeln. Ich bekam nicht nur vier weitere kräftige Schläge auf den Po, sondern auch noch zwei kräftige Schläge ins Gesicht. Ich wurde brutal aus dem Bett gezerrt, über den Boden und den Gang hinterher gezogen, die Treppe hinunter, wobei ich mir zahllose blaue Flecken und Abschürfungen zuzog. Viel bekam ich nicht von dem mit, was in dem Halbdunkel unterhalb der Treppe geschah, denn das wilde Raubtier Angst fiel mich an und zerfetzte mit blutigen Krallen das Wenige an Verstand. Eine kreischende Tür wurde geöffnet, ein paar raue Decken flogen mir um die Ohren und rissen mich dabei fast von den Beinen. Dann fiel die Tür laut krachend zu und ich war im Dunkel allein, umfangen von feuchter Eiseskälte. Jetzt wurde die Angst riesengroß, ein Ungeheuer, erwachsen aus den Nebeln des Eschbachtals, ohne Namen noch, aber greifbar wie das kalte Metall der Tür, an die ich meine kleinen Fäuste hämmerte, bis sie blutig waren und voller Schmerz. Ich weinte und schrie gellend laut und ahnte nicht, dass mich hier im Keller niemand hören konnte, dass ich niemanden damit störte, weil dieser Keller weit unter der Erde lag. Als es mir schon bald zu kalt wurde und ich am ganzen Leib zu zittern begann, vor lauter Erschöpfung nicht mehr auf meinen Beinen stehen konnte, suchte ich nach den Decken in der völligen Finsternis. Dabei stieß ich auf so etwas wie eine rohe Holzbank und kuschelte mich darauf so gut es ging unter die Decken, die Beine dicht an den Körper heran gezogen, um mich an mir selbst zu wärmen. Ich fror dennoch entsetzlich und das Ungeheuer hielt Einzug in mir, füllte mein Herz. Eschbachtal hatte mich eingefangen, die kalten Nebel wallten und Kälte, immer größere Kälte kroch in meine Glieder. Ich war angekommen. Es gab kein zurück.
(C) Hans B.
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