|
Die alten Frauen
Die alten Frauen in ihren schönen alten Kleidern, schön auf eine Weise, die 30 oder mehr Jahre alt ist und geliebt von denen, die vor ihnen gestorben sind.
Die alten Frauen, wenn sie stehen bleiben an der Straßenecke, unter der Bogenlampe oder vor dem Supermarkt, gleich neben dem Eingang, bei irgendeinem angebundenen Hund.
Die alten Frauen in der Kälte ihres Misstrauens vom langen Zuschauen.
Wo sollen sie denn hingehen?
Was sollen sie denn tun?
Wen sollen sie berühren, außer diesem angebundenen Hund?
Die alten Frauen, die niemandem Wärme geben, weil ihnen niemand Wärme gibt - und ich rede nicht von den reichen alten Frauen.
Wir gehen an den Mauern der Städte entlang, an den Gittern der Vorgärten und Banken. Wir gehen die Haltestelle auf und ab, warten auf den Bus, der uns zum Sondertarif per Monatskarte nach Hause bringt. Es ist jenes Zuhause, das wir früher einmal schön fanden, das wir kannten und liebten, das uns jetzt aber genommen und immer fremder wird, saniert in seinem Kern, kalt - abweisend - betoniert und unmenschlich.
Die alten Frauen in ihren alten Kleidern, wo sie in Küchen an einem schäbigen Tisch sitzen und auf den Abend warten, in ihren Wohnungen vollgestellt mit schönen Schränken - Margarineschachteln Stehlampen und Heizöfen, die niemand haben will, wenn die alten Frauen tot sind. Es ist so - würdelos, trostlos.
Die alten Frauen, denen wir begegnen, ungeduldig über ihre Art aus der Straßenbahn zu steigen, Stufe um Stufe. Die zitternden Greisinnen, wie sie den Stock nehmen, wie sie die Einkaufstasche nehmen, wie sie blaue Augen haben, schöne helle blaue Augen.
Aber wer sind wir? Wer hetzt uns durch die U-Bahn-Tunnel? Für wen springen wir noch rasch auf das fahrende Trittbrett, damit wir noch schnell wie die Zeiger unserer Armbanduhr irgendwo ankommen, - die immer im Kreis herumgehen und nie älter werden? Warum kaufen wir uns Verjüngungscremes, Deo-Sprays, die den Geruch unseres Körpers verleugnen, uns selbst verleugnen? Warum belügen wir uns seit Generationen mit dem Abenteuer Jugend und Frische und der Männerfreiheit, jugendlichem Schick und den jugendlich progressiven Duftnoten, und allem, was uns angeblich jung und dynamisch, abenteuerlustig und frei - und entsetzlich abhängig macht?
Eines Tages werden wir das alles wegwerfen, uns verwundert fragen, wie wir solange auf all das hereinfallen konnten, - und etwas Neues zu beginnen versuchen.
Die alten Frauen, die älter sind als alte Männer, die auch alt sind, alle sind sie alt - müde und enttäuscht, ehe sie angefangen haben zu leben. Eine Art Krankheit, die wir auch schon haben, die uns - und sie - die alten Frauen - nun langsam auffrisst.
Und was hilft es zu wissen, dass auch wir älter werden? Unsere Lieder werden älter, die Hosen, die Schuhe, die Fotos und die Haare, deren Länge bei vielen Abneigung erregt und Aggressionen freisetzt.
Was machen wir nur aus unseren Sommertagen? Wie wir einmal alle Autos angehalten haben, wie wir stark genug waren, alle Verwaltungsgebäude zu stürmen mit ihren Aktenkellern, ihren Verweisen und Verordnungen. Ist das alles schon vorbei?
Die alten Frauen kommen uns entgegen, gehen an uns vorbei, während wir auf dem Weg zu einer Verabredung sind.
Die alten Frauen, die vor uns stehen im Passamt, weil sie früher aufgestanden sind als wir, die wir noch einen guten Schlaf haben.
Die alten Frauen, denen wir die Haustüre aufhalten, weil wir das so gelernt haben, als wir jung waren.
Die alten Frauen, die nicht so schnell verschwinden und ausgetauscht werden wie alte Autos, alte Maschinen - Flugzeuge - Schiffe - Kräne - Bagger - Detektoren und Computer.
Die alten Frauen, die aus den alten Häusern treten, gestrichen aus den Bau-und Sanierungsplänen der Stadtverwaltung.
Die alten Frauen, die Angst vor den Tagen haben, die sie nicht mehr sehen und erleben werden, die sie nicht mehr sehen und erleben müssen, sie, - die alten Frauen.
© Hans B.
|
|